“Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan”

Waslat Hasrat-Nazimi

Mit 19 Jahren kam Nadia Qani als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte sie jetzt ihre Autobiografie vor – die von ihrem Leben in zwei Welten handelt.

Nadia Qani (Ausschnitt Buchcover/Krüger-Verlag)Afghanistan im Jahr 1979. Es ist das Jahr, in dem die Russen das Land besetzten. Nadia Qani liegt auf dem Boden eines LKW unter einer Last von mehreren Kilo Zigarettenschachteln. Es ist dunkel. Die Zigaretten werden illegal ins Nachbarland Pakistan gebracht. Auch Nadia will über die Grenze. Weg aus Afghanistan, ihrer Heimat, ihrem Geburtsland, fort von ihrer Familie und ihren Freunden. Eine Schmugglerbande hat eingewilligt, sie und ihren Onkel nach Pakistan zu schleusen.

Nadia ist eine von drei Millionen afghanischen Flüchtlingen, die vor den Russen nach Pakistan fliehen. An die Torturen der Flucht erinnert Nadia Qani sich noch immer genau. “Als wir angekommen waren, habe ich meinen Onkel nicht wiedererkannt. Ich war hysterisch, habe geschrien, bis der Onkel mir einen richtigen Schlag ins Gesicht versetzt hat.” Noch heute ist dieses Erlebnis für Nadia ein Albtraum. Lange Zeit kann sie keine Aufzüge benutzen, und schlafen kann sie nur bei Licht.

Flucht als einzige Alternative

In den 1960er Jahren wird Nadia Qani in Afghanistan geboren, wächst zusammen mit vielen Geschwistern und Halbgeschwistern auf. Schon früh wird ihr beigebracht, hart zu arbeiten und sich zu bilden. Ihr Vater spornt sie immer wieder an. “Pass gut auf! Du musst, gerecht sein, du musst viel arbeiten, du musst dir selber helfen!” Nadia besucht das ‘Lycee Jamurjat’, ein Wirtschaftsgymnasium für Mädchen und macht ihren Abschluss mit Bravour. Danach arbeitet sie als Chefsekretärin im Wirtschaftsministerium. Doch nachdem die Russen das Land übernehmen, muss Nadia aufgrund der politischen Gesinnung ihres Mannes fliehen. Von Pakistan aus schlägt sie sich nach Deutschland durch. Dort muss sie komplett von vorn anfangen.Sowjetische Panzer beim Rückzug aus Kabul (Foto: AP)

Im April 1988 zogen sich die Sowjets aus Kabul zurück

Doch Nadia kämpft, sie fängt als Putzfrau und Verkäuferin an und arbeitet sich hoch. Sieben Tage die Woche schuftet sie in mehreren Jobs. Heute hat sie ihren eigenen Pflegedienst mit über 40 Angestellten. Daneben engagiert sie sich ehrenamtlich für ZAN e.V., einer Frauenhilfsorganisation. 1999 wird sie deutsche Staatsbürgerin. Genau zehn Jahre später erhält sie das Bundesverdienstkreuz.

Vorbild für andere?

Geduld und Disziplin haben ihr geholfen, sich in Deutschland zurechtzufinden und ihre Ziele zu verwirklichen. Heute sieht sie sich als Deutsche mit afghanischen Wurzeln. Und ist froh darüber. “Ich fühle mich doppelt reich, denn ich bin von zwei wunderbaren Kulturen geprägt.”

Nadia Qani ist für viele ein gelungenes Beispiel für Integration. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte sie jetzt ihre Autobiographie “Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan” vor. Sie selbst sieht sich mehr als Botschafterin, nicht nur für die Migranten, sondern auch für die Deutschen. Mit ihrem Buch möchte sie vielen Menschen Mut machen, es ihr gleichzutun.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

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