“Nutzen aus der Migration ziehen”

Waslat Hasrat-Nazimi

Millionen afghanische Flüchtlinge landen als Asylanten in Heimen oder Flüchtlingscamps. Doch Mobilität und Migration ist für viele Afghanen auch eine nützliche Überlebensstrategie, sagen Wissenschaftler.

Seit 30 Jahren gehören Konflikt und Migration zum Alltag der Afghanen und ihrer Familien. Aber nicht immer bedeutet Migration Flüchtlingscamps und illegale Einwanderung in Nachbarstaaten. In einem Workshop des ZEF “Zentrum für Entwicklungsforschung” der Universität Bonn wurde afghanische Migration einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Eingeladen waren internationale Wissenschaftler und Forscher auf diesem Gebiet.

Conrad Schetter von der Universität Bonn charakterisiert Afghanistans Gesellschaft von je her als “translokal” oder mobil. Der europäische Begriff von festen Ansiedlungen, verbunden mit dem Nationalgedanken, treffe auf das Land am Hindukusch nicht zu: “Im afghanischen Denken geht es nicht so sehr darum, sich nur an einem Ort anzusiedeln, sondern eher darum, Nutzen aus der Migration zu ziehen. Das ist eine Lebensstrategie, und es widerspricht der Migration im ursprünglichen Sinne.”

“Soziale Migration”

Afghanistan Flüchtlinge an der Grenze zu Pakistan (Foto: AP Photo/B.K. Bangash) Bei diesem Konzept, das Conrad Schetter als “sozialen Migration” bezeichnet, steht nicht das Territorium im Vordergrund, sondern das mobile Netzwerk der Afghanen. Es erlaubt ihnen, an unterschiedlichen Orten zu leben und zu arbeiten. Ob in Kundus, im pakistanischen Islamabad oder in den europäischen Niederlanden: viele Afghanen bewegen sich innerhalb von familiären Netzwerken – und das über nationale Grenzen hinweg. Vor allem in den Grenzgebieten zu Pakistan sei dies seit vielen Jahren zu beobachten, so Schetter. Aufgrund ungesicherter Grenzposten können Afghanen ungehindert zwischen den Grenzen verkehren und arbeiten.

Nur wenige Afghanen behaupten deshalb, in ihrer Heimat zu leben. Für die meisten ist Heimat dort, wo ihre Großväter lebten, sagt Ingeborg Baldauf von der Humboldt Universität Berlin. Sie hat die Kriegserzählungen von Afghanen im Norden Afghanistans erforscht: “Eine der traurigsten Dinge, die Migranten erzählen, ist, dass sie den Kontakt zu ihren Ahnen, und damit zu ihrer fernen Vergangenheit verloren haben. Und das passiert in erster Linie durch Migration.”

Ahnenlinie statt Heimat

Conrad Schetter und Ingebrg Baldauf sitzen an einem Tisch während der Konferenz zu Migration in Afghanistan (Foto:DW) Die meisten Menschen definieren sich daher über ihre Vorväter, sagt Baldauf. Vielen Afghanen ist diese Verbindung so wichtig, dass sie allein deshalb nur innerhalb ihres Stammes heiraten. Sie wollen die Blutlinie zu wichtigen Ahnen nicht unterbrechen, sagen die türkischen Forscher Ayfer Durdu und Francois Ömer Akakca von der Humboldt Universität Berlin. Sie haben längere Zeit in Afghanistan bei einer Familie gewohnt, die von einem Geistlichen, dem heiligen Khoja Hayran, abstammt.

“Zwei Brüder verheiraten ihre Kinder, um ihre Verwandtschaft fortzusetzen. Der Vater gibt seine älteste Tochter an den Sohn seines ältesten Bruders. Traditionell geht die Frau aus ihrem Heimatort in den Ort ihres neuen Mannes.”

Auch dies ist soziale Migration: Frauen, die aus ihrer Ursprungsfamilie weggehen um in die entfernte Verwandtschaft einzuheiraten. Sie führen die genealogische Linie fort. Es entstehen neue Netzwerke, die über Ortschaften oder Grenzen hinaus gehen – oder die bereits bestehenden werden gefestigt.

Bessere Alternative als Flucht

Soziale Mobilität erlaubt es Afghanen, ihre Aufenthaltsorte zu wechseln, je nachdem, welchen Vorteil das für die Familie oder das Netzwerk bringt. In dem konfliktgeladenen Leben eines Afghanen bedeutet dies etwas mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Die Migration innerhalb bestehender sozialer Netzwerke ist eine von vielen Strategien, um dem Krieg zu trotzen, sagt Conrad Schetter. Für viele Afghanen sei sie weitaus besser, als sich als Flüchtling in einem fremden Land ohne soziale Kontakte durchzuschlagen.
Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de
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