Die Buchverkäuferin von Kabul

Waslat Hasrat-Nazimi

Wenn die Leute nicht in Buchhandlungen gehen, bringt sie Bücher eben persönlich unters Volk: Buchverkäuferin Guljaan Jahanbeen will ihr Geschäftsmodell auch in anderen Teilen Afghanistans bekannt machen.

Von weitem sieht Guljaan aus wie ein Bücherberg auf zwei Beinen. In Shahr-e Now, dem Zentrum von Kabul, bietet sie einen ungewöhnlichen Anblick im Straßenbild. Guljaan verkauft Bücher. Mühsam trägt sie etwa 40 Bücher vor sich her. Afghanistan hat eine Analphabetenrate von etwa 80 Prozent, Käufer für Bücher zu finden, ist da nicht leicht. Andere Buchhändler säßen in ihren Läden, und die wenigen Leser müssen diese erst besuchen, sagt Guljaan. Sie selbst macht es anders. “Die Menschen sind zu beschäftigt, um Bücher zu kaufen. Deshalb will ich sie ihnen direkt vor die Nase halten. Ich arbeite seit zwölf Jahren als Buchverkäuferin. Ich habe in diesen Jahren oft Jobangebote bekommen – aber ich bin stolz auf meine Arbeit.”

Nachmittags Bücherrunde

Guljahan Jahanbeen mit älterem Leser (Foto: DW)Mit locker gebundenem schwarzen Kopftuch, Rucksack und Büchern in der Hand geht Guljaan von Geschäft zu Geschäft oder spricht Menschen auf der Straße an. Morgens macht sie den Haushalt, nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen, zieht sie los. Nur ein kleiner Prozentsatz der afghanischen Frauen geht täglich zur Arbeit. Für Guljaan begann alles, als sie mit ihrer Familie 2002 aus Pakistan, wohin sie geflohen waren, nach Kabul zurückkehrte.

“Ich hatte das Gefühl, ich müsse etwas für die Menschen tun. Es war sehr schwierig am Anfang, denn Frauen arbeiten fast gar nicht auf der Straße. Im Büro vielleicht, aber nicht auf der Straße”, erzählt sie. “Mein Mann hat mich aber ermutigt, er meinte, es sei gar kein Problem. Zu Anfang habe ich seine Bücher verkauft.”

Inzwischen gibt es Konkurrenz

Guljaans Mann war Schriftsteller, bis er erblindete. Seither muß Guljaan allein für ihre Familie sorgen. Neben den Büchern ihres Mannes verkauft sie hauptsächlich Gedichte und religiöse Literatur. Leider läsen nur wenige Leute, Frauen so gut wie gar nicht, erzählt sie. Trotzdem gibt es inzwischen etwa 13 weitere – überwiegend männliche – Buchverkäufer in Kabul. Vielen hat sie geholfen, in das Geschäft einzusteigen.

Und Guljaan will noch mehr tun: Sie hat den Ehrgeiz, jeden gewünschten Titel beschaffen zu können. Ihr Geschäftsmodell würde sie gern in andere Provinzen verbreiten, und Interessenten mit einem Grundstock an Büchern aushelfen.

Obwohl es nicht einfach für eine Frau ist, sich frei auf Kabuls Straßen zu bewegen, hatte sie in all den Jahren keine ernsthaften Probleme, berichtet Guljaan. “Die Menschen unterstützen mich, auch wenn sie kein Interesse an den Büchern haben. Sie nennen mich Mutter oder Schwester und beten für mich.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

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