Konflikt hautnah in Tel Aviv

Waslat Hasrat-Nazimi

Es ist das das erste Mal nach 21 Jahren, dass in Israels Metropole Tel Aviv Luftalarm ertönt. Es begann mit einer Bombe und einer Explosion. Für einige junge Gaststudenten eine außergewöhnliche Erfahrung.

Als die Sirenen zu kreischen beginnen, ist Julia Lis gerade auf dem Weg zu ihrem Bus. Sie schreckt zusammen. Mechanisch packt sie ihr Handy aus und wählt die Nummer ihres Freundes. Sie bekommt keine Verbindung. Tausendmal hat sie sich in ihrer Fantasie vorgestellt, wie es sein könnte, wenn es so weit ist. Aber als der Luftalarm tatsächlich losgeht, ist sie dennoch wie erstarrt. Als erstes hat sie nur Panik empfunden, erzählt die Studentin. “Ich dachte: Nee, das kann jetzt nicht wahr sein. Da kamen die puren Emotionen hoch. Ich habe probiert, die Leute anzugucken, wie sie sich verhalten und wie sie damit umgehen.” Die meisten Menschen sind nach Hause gegangen, die Straßen wurden leer – für Julia war das neu und fremd.

Julia Lis (Foto: privat) Den dritten Tag in Folge wurde am Samstag (17.11.2012) in Tel Aviv Luftalarm ausgelöst. Das hat es seit dem Golfkrieg 1991 nicht mehr gegeben. Erneut feuerte die Hamas eine Rakete in Richtung Tel Aviv. Zu dem Angriff hat sich die im Gazastreifen regierende Hamas bekannt – ihre Antwort auf die israelische Bombardierung Gazas. Für viele Israelis bedeutet das, sich in Sicherheit zu begeben. Für Julia, die aus Deutschland kommt, eine völlig ungewohnte Situation. Den Abend verbringt sie mit ihrem Freund vor den Fernsehnachrichten. “Was wir in den Medien gesehen haben, das war wirklich eine Hetze. Sehr emotional und einfach auch sehr irreal. So hat sich das nicht wirklich zugetragen, habe ich immer gedacht.”

Faszination Ausnahmezustand

Vor einem Jahr kam Julia nach Tel Aviv, um Konfliktmanagement und Vermittlungsstrategien an der Universität Tel Aviv zu studieren. Das Studium in Israel, in der Nähe eines Konflikts, der zu den am längsten andauernden der Welt zählt: Das schien für die 25-Jährige genau passend. “Ich will mitkriegen, wie sich Menschen verhalten, gerade in einem Gebiet wie Israel, wo so viele Kulturen aufeinanderprallen. Deswegen bin ich immer noch hier, gerade jetzt. Man merkt, dass die Leute diese Krisen gewohnt sind.”

Einige ihrer Kommilitonen erleben die Situation jedoch ganz anders. Für Philip Luther-Davies zum Beispiel war es nichts besonderes, als er von den Angriffen hörte. Seit 13 Jahren lebt der Waliser in Israel; zur Zeit promoviert er hier. “Ich empfinde Gaza oder die Hamas nicht als besonders bedrohlich. Kein Grund, mein Leben deswegen umzukrempeln”, findet der 29-Jährige. “Aber wenn es einen echten Krieg gibt, wenn Ägypten oder der Iran eingreifen – dann bleibe ich nicht hier.” Philip denkt noch einmal darüber nach und schmunzelt: “Ach, wahrscheinlich sterbe ich eher bei einem Verkehrsunfall.”

Angst vor Eskalation

Nathan Hersh, Student und Journalist aus Tel Aviv (Foto: privat) Auch Nathan Hersh war gerade mit dem Fahrrad auf der Strandpromenade unterwegs, als er die Sirenen hörte und die Explosion mitbekam. Die Menschen liefen aufgeregt in die naheliegenden Cafés, erinnert sich der Student und Journalist aus den USA. Dass die Situation sich schnell entspannt, glaubt Nate nicht: “Tel Aviv ist Israels Schmuckstück. Solange hier Raketen niedergehen, kann Israel keiner Waffenruhe zustimmen. Solange Tel Aviv angegriffen wird, heizt auch Israel den Konflikt an. Das macht mir Angst.”

Julia hat ihr Studium vor kurzem abgeschlossen und möchte weiter in Tel Aviv leben. Ihre Familie in Deutschland ist damit nicht ganz einverstanden – die Verwandten machen sich Sorgen. “Ich denke nicht, dass sie meine Faszination nachempfinden können, dem allem hier auf den Grund zu gehen, statt das im Fernsehen zu verfolgen. Ich sage mir einfach: Wenn es hart auf hart kommt, werde ich sowieso aus dem Land fliegen.” Noch wartet Julia auf einen offiziellen Aufruf der deutschen Botschaft, Israel aus Sicherheitsgründen zu verlassen. So lange der nicht kommt, möchte die junge Frau so viel wie möglich an Erfahrungen mitnehmen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf:  DW.de

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