“Verrückt” in Afghanistan

Waslat Hasrat-Nazimi, Hussain Sirat

Durch Jahrzehnte des Krieges leiden viele Menschen in Afghanistan unter psychischen Störungen. Geistig Behinderte werden diskriminiert. Auch die Angehörigen leiden darunter.

“Mohammad, der Verrückte!”, rufen ihm die Kinder hinterher. Sie lachen und machen Witze. Mohammad ist traurig. Er weiß nichts darauf zu antworten und ruft bitter “Selber!” zurück. Die Beleidigungen sind Alltag für den 16-Jährigen, einen von vielen geistig Behinderten in Afghanistan. Wie viele es genau in Afghanistan gibt, wissen die Behörden nicht. Eine zuverlässige Statistik existiert nicht. Psychische Erkrankungen und angeborene Behinderungen werden von vielen Afghanen gleichgesetzt. Es gibt keine gesundheitliche Aufklärung für Eltern.

Abseits der Gesellschaft

Mohammad lebt mit seinen Eltern und seinen zwei Schwestern in einem ärmlichen Viertel von Kabul. Die ganze Familie leidet mit Mohammad mit. Wenn Mohammad besonders viel Unruhe verbreitet, schickt ihn die Mutter raus ins Freie, um seinen Lärm nicht ertragen zu müssen. Keine Schule nimmt Mohammad wegen seiner geistigen Behinderung auf. Förderschulen gibt es in Afghanistan nicht.

Mohammad sei als Kind oft krank gewesen, berichtet seine Mutter. Die Ärzte hätten ihr schon damals gesagt, dass sie den Jungen nur für viel Geld heilen könnten. “Wir haben aber nun mal kein Geld und können es uns nicht leisten”, seufzt sie. “Wir hätten ihn sonst bestimmt zum Arzt geschickt.”

Dass eine angeborene geistige Behinderung nicht heilbar ist, hat niemand Mohammads Mutter erzählt. Sie könnte ihren Sohn in die “Marastun” geben, eine psychiatrische Anstalt. Doch die gibt es nur in Großstädten – und ihr Ruf ist schlecht.

Behinderte Frauen finden keine Ehemänner

Für afghanische Frauen bergen geistige Behinderungen ein zusätzliches Problem: Sie können nicht verheiratet werden, wie die 22-jährige Fereshta. Ihre Heiratsanwärter hätten alle einen Rückzieher gemacht, als sie von ihrer Behinderung hörten, berichtet ihre Mutter. In der Schule hatte sie bereits die fünfte Klasse abgeschlossen, wurde aber von den Mitschülerinnen ausgelacht und gemobbt. Selbst eine medizinische Behandlung hatte keine Besserung gebracht.

Die verzweifelte Mutter brachte Fershta schließlich zu einem Mullah, einem islamischen Geistlichen und Gelehrten, erklärt sie. “Der Mullah sagte zu mir, dass er sie heilen könne und dass sie gesund werden würde. Und er gab mir schließlich ein Amulett.” Aberglaube ist im Islam verboten. Dennoch gibt es viele Geistliche, die die Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzen und sich für ihre Dienste teuer bezahlen lassen. Meistens ist es zwecklos, so wie auch in diesem Fall, so die 47-Jährige: “Als ich damit nach Hause ging, hat Fereshta noch schlimmer reagiert als zuvor.” Das Amulett half also nicht.

Die Mutter will Fereshta nicht länger zu Hause beherbergen, weil die Pflege zu aufwändig ist. Deshalb will sie ihre Tochter bald in eine psychiatrische Anstalt schicken.

Fehlende Unterstützung

In Kabul ist das Krankenhaus für psychisch Kranke die einzige Heilanstalt in der Hauptstadt. Die Klinik ist staatlich und bietet kostenlose Untersuchungen an. Dutzende Kranke sind hier untergebracht und werden von Dr. Sima betreut. “Schwerstbehinderte behandeln wir hier nicht. Die Kinder haben in Afghanistan zudem auch keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen”, sagt sie, “wenn sie einfache Dinge lernen, dann ist das schon eine große Errungenschaft.”

Dr. Sima kritisiert, dass die Regierung und nichtstaatliche Organisationen keine speziellen Programme für Schwerstbehinderte haben. Diese würden sozial stark benachteiligt. Die Akzeptanz in der Gesellschaft sei zu niedrig. Eine geistige Behinderung werde als eklatanter Mangel angesehen. Die meisten dieser Menschen müssen ein ganzes Leben mit dem Stigma der “Verrücktheit” ein einsames Dasein führen, wie Mohammad und Fereshta auch.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf:  DW.de

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