Auf dem Skateboard in die Zukunft

Das Skateboard soll Afghanistans Jugendlichen zu einer neuen Zukunftsperspektive verhelfen. Deutschland ist Haupt-Sponsor des neuen Skaterparks in Mazar-i-Sharif.

Hunderte Kinder stehen mit strahlenden Augen in der neuen Skaterhalle und staunen über die Halfpipes und unzähligen Skateboards. In der Stadt Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans hat im Mai der größte Skaterpark des Landes seine Türen geöffnet. Die afghanische Nichtregierungsorganisation “Skateistan” hat dort mit deutscher Unterstützung eine Anlage gebaut: mit Skater-Park, einer großen Halle und einem Lernzentrum. Das Projekt soll Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, Selbstvertrauen zu entwickeln und ethnische sowie soziale Unterschiede zu überbrücken.

Großer Andrang

Die erste Skaterhalle in Afghanistan war 2009 in der Hauptstadt Kabul eröffnet worden. Dort hat die 14-jährige Madina das Fahren auf vier Rollen erlernt, dort ist sie inzwischen auch Trainerin. Zur Eröffnung der neuen Anlage ist Madina nach Mazar-i-Sharif gekommen. Sie gibt den Skating-Anwärtern ihre Erfahrungen weiter: “Ich rate allen Kindern in Mazar, dass sie Sport treiben sollen. Nicht nur Skaten, sondern auch andere Sportarten wie Basketball oder Fußball.” Das Interesse ist in Mazar-i-Sharif besonders groß. Bereits vor der Eröffnung meldeten sich an nur einem Tag 300 Interessenten an.

Die Skater-Anlage mit den Ausmaßen eines mittleren Fußballfelds ist größer als die in Kabul. Bis zu 1000 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren können dort neben Skater- und Sportkursen auch Bildungsangebote erhalten – es gibt Programme zur Wiedereingliederung von Straßenkindern in die Schule und Workshops zur Verbesserung der persönlichen Fertigkeiten. “Sprachunterricht steht ebenso auf dem Programm wie Informatik und religöse Studien”, berichtet Zaher Aghbar, Vorsitzender des Afghanischen Nationalen Olympischen Komitees (ANOC), stolz bei der Eröffnungsfeier. “Außerdem haben die jungen Leute hier Internetzugang, der ihnen ermöglicht, sich mit Gleichaltrigen aus aller Welt zu verbinden.” Besonders wichtig sei aber für die Jugendlichen, dass Transport, Unterricht und Ausrüstung kostenlos sind, betont Zaher.

Generation Krieg

Fast 60 Prozent der afghanischen Bevölkerung sind unter 18 Jahre alt. In Afghanistan herrscht seit fast 40 Jahren Krieg. Die Kinder und Jugendlichen haben noch nie erlebt, was Frieden ist, sagt Atta Mohammad Noor, Gouverneur der Provinz Balkh. Er begrüßt das Engagement von Skateistan und hat der Nichtregierungsorganisation das 6000 Quadratmeter große Gelände mietfrei überlassen. “Der Sport fördert die geistige und körperliche Gesundheit der Kinder. Sie sind weniger anfällig für Drogen und Kriminalität und die Gefahr, Opfer der Taliban zu werden”, erklärt der Gouverneur.

Das war auch der Leitgedanke von Oliver Percovich, dem Gründer und Geschäftsführer von “Skateistan”. Er begann 2007, Kindern in Afghanistan das Skateboarden beizubringen. Im Juli 2009 registrierte er Skateistan offiziell als afghanische Nichtregierungsorganisation. Diese finanziert sich aus internationalen Spenden. Hauptförderer ist das Auswärtige Amt in Berlin, das auch die Baukosten für die Anlage in Mazar-i-Sharif übernahm.

Attraktion für Mädchen

“Ich dachte, Skateboarden ist leicht, also fing ich an, mit Kindern zu fahren”, so Percovich. “Ich bemerkte dann, dass Mädchen mitfahren wollten und auch durften, was mich überraschte. Ich hatte ein Schlupfloch entdeckt und wollte das ausweiten.” Seither gab die Organisation Tausenden afghanischen Kindern Skateboardstunden, dazu Bildungsangebote. Beinahe 40 Prozent der Skateistan-Schüler sind Mädchen. Um auch weiter einen hohen Anteil afghanischer Mädchen aufnehmen zu können, muss Skateistan Sporthallen unterhalten und auch reine Frauenklassen mit Lehrerinnen anbieten. Denn vielen ist es unangenehm oder verboten, Sport in der Öffentlichkeit auszuüben.

In Mazar-i-Sharif sind laut Percovich bisher sogar 80 Prozent der angemeldeten Schüler Mädchen. “Der Sport gibt den Mädchen mehr Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Freiheit”, so der Australier. Teenager Madina kann das nur bestätigen: “Wenn ich von der Rampe herunterfahre, fühle ich mich frei, es ist wie Fliegen.” Madina hat Glück, ihre Familie hat sie sogar ermutigt, Skateboard zu fahren.

Um das Vertrauen der Eltern zu gewinnen, besuchen die Skateistan-Mitarbeiter regelmäßig die Familien der Schüler, und sie klären die lokalen religiöse Autoritäten über die Aktivitäten auf. Bei den Menschen, die das Projekt kennen, genieße es eine eine sehr hohe Akzeptanz, sagen Mitarbeiter.

Zukunft mit Fragezeichen

Im Jahr 2014 werden die internationalen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Was danach aus dem Projekt Skateistan wird, ist noch mit einem großen Fragezeichen versehen, sagt Geschäftsführer Percovich.” Angesichts des Wiedererstarkens der Taliban sorgt er sich um die Sicherheit – aber nicht nur darum: “Es wird auch eine finanzielle Herausforderung: Die Spendenbereitschaft könnte abnehmen. Zurzeit wissen wir noch nicht, woher wir Gelder für das kommende Jahr bekommen sollen. Aber wir wollen definitiv langfristig in Afghanistan bleiben.” Der Name Skateistan stehe für verbindliches und dauerhaftes Engagement, so Percovich. In diesem Sinne wünscht er der afghanischen Jugend, dass sie “an Afghanistan glaubt, es aufbaut und im Land bleibt”.

Die Idee der Skaterparks hat inzwischen auch über Afghanistan hinaus Anklang gefunden. Skateistan unterstützt eine Organisation in Kambodscha, die einen Indoor-Park in der Hauptstadt Phnom Penh betreibt. Und ein weiteres Skater-Projekt ist in Pakistan geplant.

Dieser Artikel erschien zu erst auf:  DW.de

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