Kabul will mit Taliban in Pakistan sprechen

Eine in London erzielte Vereinbarung über Gespräche einer afghanischen Delegation mit einem Taliban-Führer in Pakistan weckt bei Beobachtern mehr Skepsis als Friedenshoffnungen.

Afghanistan wird eine Delegation für Verhandlungen mit dem Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Baradar nach Pakistan schicken. Der als Nummer zwei der afghanischen Taliban geltende Baradar war vor einigen Monaten nach dreijähriger Haft von den pakistanischen Behörden freigelassen worden, soll sich aber in einem “sicheren Haus” unter pakistanischer Kontrolle befinden.

Die Vereinbarung über einen Besuch der Delegation bei Baradar wurde bei einem Treffen der Regierungschefs Pakistans und Afghanistans, Nawaz Sharif und Hamid Karsai, sowie des britischen Premierministers David Cameron Anfang der Woche in London getroffen. Die Vereinbarung wird als Geste des Entgegenkommens der pakistanischen gegenüber der afghanischen Seite gesehen. Präsident Karsai versucht schon seit längerem, mit Unterstützung Pakistans mit den Taliban ins Gespräch zu kommen.

Experten haben allerdings Zweifel, ob die geplanten Gespräche des afghanischen “Hohen Friedensrates” mit dem prominenten Taliban-Mitglied zu greifbaren Ergebnissen führen können, und ob Baradar beziehungsweise die Taliban daran überhaupt interessiert sind.

Optimismus in Kabul

Zumindest die Regierung in Kabul ist diesbezüglich optimistisch. Die stellvertretende Sprecherin des afghanischen Präsidenten, Adela Raz, sagte der Deutschen Welle, dass “eine Delegation des Hohen Friedensrats so bald wie möglich nach Pakistan reisen wird, um Mullah Baradar zu treffen und um die Friedensgespräche zu einem Fortschritt zu führen”.

Der Hohe Friedensrat wurde 2010 von Präsident Karsai ins Leben gerufen, mit dem Auftrag, in Verhandlungen mit den Taliban einzutreten. Ein Erfolg blieb bisher aus. Die Taliban lehnten jegliche Gespräche mit der afghanischen Regierung ab. Der Sprecher des Friedensrates, Shahzada Shaheed, zeigte sich hoffnungsvoll, dass durch die jetzige Vereinbarung ein Friedensschluss mit den Taliban möglich sei. “Ob die Taliban bereit sind, ist abhängig davon, mit welchen Taliban man spricht. Die Taliban, die am Frieden interessiert sind, mit denen wollen wir reden und von deren Erfahrungen wollen wir profitieren, um gemeinsam für den Frieden zu arbeiten.”

Zweifel an konstruktiver Rolle Baradars

Dass ausgerechnet Baradar ein solcher “am Frieden interessierter” Taliban ist, bezweifelt dagegen der pakistanische Ex-Diplomat und politische Beobachter Zafar Hilaly. Karsai setze auf Mullah Baradar, weil dieser als enger Vertrauter der Nummer eins der afghanischen Taliban, Mullah Omar, gilt. “Karsai ist überzeugt, dass Baradar in der Lage sein wird, die Dinge nach seinen Wünschen zu regeln. Pakistan aber sagt, dass es keine Kontrolle über Baradar habe.” Niemand wisse, ob die afghanische Delegation ihn wirklich treffen wird, so die Einschätzung des pakistanischen Experten.

Auch Jochen Hippler, Afghanistan-Experte von der Universität Duisburg-Essen, sieht in der Vereinbarung keine großen Chancen für eine Friedenslösung. “Es ist wichtig für die bilateralen Beziehungen (zwischen Kabul und Islamabad), dass Pakistan bereit gewesen ist, auf die Bitten Afghanistans einzugehen. Aber dass jetzt der ehemalige Stellvertreter von Mullah Omar in der Lage wäre, Frieden zu schließen, das kann ich nicht erkennen”, so die skeptische Einschätzung des deutschen Politikwissenschaftlers.

Mullah Baradar sei zwar ein “wichtiges, prestigeträchtiges Pfand in der Hand des pakistanischen Militärs und der pakistanischen Regierung” gewesen, meint Jochen Hippler. Aber Baradar sei lange Zeit abgeschnitten von seiner politischen Umgebung gewesen, so dass erst mal festzustellen sein werde, ob er überhaupt “mehr ist als eine symbolische politische Spielkarte”. Denn “die Taliban haben diese Verhandlungen aus ihrer Sicht nicht mehr nötig.” Hipplers Einschätzung: Jetzt sei es zu spät, sich an eine friedliche Lösung zu klammern, die in den Augen vieler nicht zu einem Ergebnis führen werde.

Dieser Artikel erschien zu erst auf:  DW.de

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