Afghanistan: Journalisten im Kreuzfeuer

Der Mord an einem Journalisten in Helmand zeigt, wie sehr sich die Situation für die Medien im Land in den vergangenen Monaten verschlechtert hat. Die Regierung verfolgt Übergriffe auf Journalisten nur halbherzig.

Als Noor Ahmad Noori morgens aus dem Haus ging, ahnte wohl niemand aus seiner Familie, dass er nicht mehr wiederkehren würde. Am Donnerstagabend (23.1.2014) fand man seine verbrannte und verstümmelte Leiche in einem Plastiksack. Der afghanische Journalist, der für die New York Times als Korrespondent tätig war, war sich der Gefahr, der er sich aussetzte, immer bewusst gewesen. Dennoch hatte sich der 28-Jährige in der Hauptstadt Lashkar Gah in der südafghanischen Provinz Helmand sicher gefühlt. “Besonders schockierend ist, dass der Mord mitten in der Stadt geschah und nicht außerhalb”, erklärt der Gouverneur Mohammad Naeem im Interview mit dem DW-Korrespondenten Mohammad Mojtaba. Die Provinz Helmand gilt als die am meisten umkämpfte Provinz des Landes. Hier ist der Machteinfluss der aufständischen Taliban besonders groß. “Es ist eine Katastrophe für unsere Provinz und speziell für die Journalisten, die hier arbeiten. Ich bin sehr betroffen und habe bereits den Geheimdienst beauftragt, die Mörder ausfindig zu machen“, so der Gouverneur.

Gewalt gegen Journalisten nimmt zu

Noor Ahmad Noori hat nicht nur für die New York Times, sondern auch für lokale Medien gearbeitet. Der Vorsitzende der lokalen Radiostation “Bost” erklärte verschiedenen afghanischen Medien, dass Noori mehrmals von aufständischen Gruppen Warnungen erhalten habe. Nooris Bruder sagte, er habe wegen der Einschüchterungen erst vor kurzem aufgehört, für die New York Times zu arbeiten. Für die Familie von Noori ist dennoch klar, dass der Journalist wegen seines Berufes getötet worden ist. Sein Vater Sayed Nasruddin sagte der DW: “Wir haben weder private Streitigkeiten oder Konflikte mit anderen gehabt, noch haben wir jetzt welche. Er hat bloß versucht seinem Land und seiner Nation zu dienen.“

Mangelhafte Strafverfolgung

Aber das Land, dem Noori gedient hat, wird ihn dafür nicht würdigen, befürchten Angehörige wie Kollegen. Zainullah Stanikzai, ein Kollege von Noori, glaubt nicht daran, dass die Regierung die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen wird. “Die Regierung hat bislang kaum etwas gegen die zunehmende Gewalt gegen Journalisten unternommen. Sie muss diese Bedrohung endlich ernst nehmen“. Auch Stanikzai und seine Kollegen fürchten um ihr Leben, denn die Sicherheit für Journalisten verschlechtert sich zunehmend. Afghanistan ist für Journalisten eines der gefährlichsten Länder der Welt. “Seit 2001 haben wir 38 Todesfälle registriert, aber es gab keine Unternehmungen von Seiten der Sicherheitskräfte oder Justiz”, so Mujeeb Khalwatgar, Direktor der afghanischen Medienorganisation NAI gegenüber der DW. Darüber hinaus habe es allein dieses Jahr rund 60 weitere Fälle von Gewalt oder Einschüchterungen gegenüber Journalisten gegeben. Verfolgt würden diese Straftaten kaum, so Khalwatgar. “Das spornt zu noch mehr Gewalt gegen Journalisten an, die von der Regierung nicht bestraft wird“, sagt er.

Schlechte Zukunftsaussichten

Für die kommenden Jahre ist das keine gute Prognose. Mit dem Abzug der internationalen Truppen sorgen sich die afghanischen Medien zunehmend um ihre Sicherheit. Ob Fernsehen oder Pressefotos: Die radikal-islamischen Taliban haben während ihrer Herrschaft jegliche visuelle Medien verboten. Es gab nur ein Taliban-Propagandaradio. Ausländische Medien waren tabu. Aber nicht nur die Taliban seien eine Gefahr für kritische Journalisten, so Khalwatgar: “An mehr als der Hälfte der Gewaltfälle gegen Journalisten sind afghanische Sicherheitskräfte beteiligt.” Er befürchtet, dass die Zahl der Übergriffe seitens der Sicherheitskräfte durch die Übernahme der Sicherheitsverantwortung im ganzen Land noch steigen wird. Der Medienschaffende fordert daher die Regierung auf, endlich wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die Journalisten zu schützen. “Nur dann können Mordfälle wie der von Noor Ahmad Noori der Vergangenheit angehören.”

Dieser Artikel erschien zuerst auf:  DW.de

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