Proteste nach Angriff auf Armeestützpunkt

Nach einem schweren Angriff auf eine Militärbasis an der Grenze zu Pakistan bewegen die Afghanen viele Fragen: Wie konnten die Angreifer die Soldaten überraschen, warum gab es keine Luftunterstützung?

Afghanistan Gedenkveranstaltung für 21 getötete Soldaten in Konar

Man spricht vom schwersten Angriff der Taliban auf die afghanische Armee seit 2010. 21 Soldaten wurden am vergangenen Sonntag (23.02.2014) bei einem Angriff von Extremisten auf einen Militärstützpunkt nahe der pakistanische Grenze in der Provinz Kunar getötet. Der Gouverneur der Provinz Kunar, Shujaul Mulk Dschalala, schilderte der Deutschen Welle den Hergang so: “Die Taliban haben um drei Uhr nachts angegriffen. Es scheint, als hätten die Taliban eine Verbindung innerhalb der Basis gehabt. So konnten sie die Soldaten im Schlaf überraschen, denn die Wache war für die Sicherheit zuständig. Acht Soldaten werden vermisst, davon ist es einem gelungen, zu fliehen.” Alle Kräfte seien jetzt an der Suche nach den Vermissten beteiligt.

Zu Hunderten haben Demonstranten in allen großen Städten in Afghanistan unterdessen der Armee ihre Solidarität bekundet. Gleichzeitig äußerten sie massive Kritik an der Regierung, Tenor: “Hamid Karsai hätte das nicht zulassen sollen.”

Behörden haben geschlafen

Dem afghanischen Geheimdienst soll bereits sehr mehreren Wochen die Information vorgelegen haben, dass Kontakte zwischen den Taliban und der Militärbasis bestanden. Gehandelt wurde jedoch nicht. Der afghanische Geheimdienst-Experte Dschawid Kohestani sagte der DW: “Hier wurde grob fahrlässig gehandelt. Die lokalen Geheimdienstbehörden haben ihre Informationen an das Verteidigungsministerium weitergeleitet, aber diese wurden nicht ernst genommen.” Das afghanische Verteidigungsministerium müsse reagieren, vor allem müsse aber die Arbeit in den Provinzen, die am meisten von Angriffen gefährdet sind, besser koordiniert werden.

Stellvertreterkrieg mit Pakistan

Demonstrationen und Solidaritätsbekundung für die afghanische Armee in Kabul, Afghanistan.

Das afghanische Verteidigungsministerium reagierte am Dienstag (25.02.2014) mit der Entlassung von neun Offizieren. Der Geheimdienst habe zu spät reagiert, gab man zu. Als Drahtzieher des Überfalls wird allerdings der pakistanische Geheimdienst beschuldigt. Der stellvertretende Sprecher des Ministeriums, General Daulat Wasiri, sagte der DW, es lägen Beweise dafür vor, dass der Angriff außerhalb Afghanistans geplant worden sei und die Angreifer über die Grenze aus Pakistan gekommen seien. “In Afghanistan herrscht ein Krieg der Geheimdienste”, so Wasiri. “Die Angreifer werden vom pakistanischen Geheimdienst und von Mitgliedern der Al Kaida finanziell unterstützt, zu ihnen gehören Tschetschenen, Araber und Usbeken.” Das sei “kein Geheimnis und jedem bekannt”, so Wasiri weiter.

Erst vor ein paar Tagen hatte die pakistanische Regierung bekanntgegeben, dass 23 ihrer paramilitärischen Soldaten auf afghanischem Boden getötet worden seien. Das entspreche aber nicht der Wahrheit, so Dschawed Kohestani, viel mehr versuche der pakistanische Geheimdienst, seine Operationen im Grenzgebiet zu rechtfertigen. Seit 35 Jahren führe Pakistan einen Stellvertreter-Krieg in Afghanistan. “Das ist so bei der heutigen Kabuler Regierung und das war so bei der Taliban- und der Mudschaheddin-Regierung davor. Wir sind Opfer der Unterstützung der Taliban durch Pakistan, das Instabilität im Nachbarland bezweckt.” Die Regierung Karsai sei nicht in der Lage, dieser Bedrohung etwas entgegenzusetzen, so Kohestani.

Unklarheit über Luftünterstützung der NATO

Scharfe Kritik wurde an Karsai auch wegen der fehlenden Luftunterstützung durch NATO-Truppen für die afghanischen Soldaten geübt. Präsident Karsai hatte laut westlichen Medienberichten vor einem Jahr angekündigt, es dem afghanischen Militär zu untersagen, Luftunterstützung der NATO anzufordern. Laut Ministeriumssprecher Wasiri verhält es sich jedoch anders. “Der Präsident hat niemals angeordnet, dass keine Unterstützung aus der Luft von der NATO angefordert werden dürfe”, so Wasiri gegenüber der DW. Er habe höchstens den Befehl gegeben, dass solche Unterstützung nur dann nicht angefordert werden darf, wenn die Gefahr ziviler Opfer bestehe. Im vorliegenden Fall sei sehr wohl NATO-Luftunterstützung angefordert worden, die aber sei zu spät eingetroffen. Nach offizieller Darstellung haben die Kämpfe zwischen den Angreifern und Soldaten über zwei Stunden gedauert. Dass innerhalb dieser Zeit keine Unterstützung habe eintreffen können, wird von Sicherheitsexperten stark bezweifelt.

Dieser Artikel erschien zu erst auf:  DW.de

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