Interview “Social Media vs Digital Jihad”

Strategien gegen digitale Dschihad-PropagandaAbschalten oder Argumentieren?

Auf dem Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn haben Netzaktivisten einen Überblick über die Gefährlichkeit der IS-Propaganda gegeben. Und präsentieren ihre Strategien in der Cyberschlacht der Argumente.

Der Saal im Global Media Forum der Deutschen Welle

Inzwischen unterstützen nach UNO-Angaben 25.000 internationale Kämpfer den IS-Terror. Angelockt hat sie oft Propaganda auf Facebook und Twitter. Ab 1. Juli werden bis zu 20 Europol-Beamte von Den Haag aus in den Cyberwar gegen ISIS, Boko Haram und Al Kaida treten. Die europäische Polizeibehörde setzt dabei auf Sperrung der Propagandakanäle in den sozialen Medien. Entsprechende Vereinbarungen wurden mit den Betreibern geschlossen.

Europol macht Jagd auf IS-Propagandisten

Die Ankündigung von Europol, in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter Jagd auf Internet-Propagandisten der IS-Terrorgruppe zu machen, findet auf dem Bonner Global Media Forum im WCCB spontan Anhänger:


Kyle Matthews im Portrait

“Nie und nimmer können wir deren Propaganda ganz unterbinden. Aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen sollten”, sagt zum Beispiel der Kanadier Kyle Matthews vom Institut für Genozid- und Menschenrechtsstudien in Montreal. Er will, dass künftig mehr Staaten der IS-Propagandamaschinerie im Internet die Stirn bieten: “Ich hoffe, andere Staaten werden sich das europäische Beispiel genau anschauen. Denn es ist ein globales Problem. Wir beobachten das in Australien, auf den Philippinen, Thailand, Malaisia, Indien. Es geschieht in Nigeria und Nordafrika. Man muss sehen, ob es auch im dortigen Kontext funktioniert.” Nach seinen Angaben kommen die Propagandameldungen, -fotos und -videos aus den Kampfgebieten bei Twitter auf 200 bis 250.000 Tweets am Tag. Auch, weil sie fleißig ins Türkische, Deutsche, Spanische, Englische und Französische übersetzt würden. Matthews begrüßt, wenn das alles nun endlich durch die Behörden offline gestellt und verfolgt werden soll.

Ausblenden ist keine Lösung


Waslat Hasrat-Nazimi, Moderator

Für die Bonnerin Waslat Hasrat-Nazimi ist das aber der falsche Weg. Die Social-Media-Betreuerin und Afghanistan-Korrespondentin der Deutschen Welle setzt auf Dialog, auf Aufklärung und die Betonung der Gemeinsamkeiten der großen Weltreligionen. Sie fordert, dass endlich mehr Prominente nach dem Vorbild von Mufti Menk oder Nouman ali Khan Position gegen den IS beziehen. Anders ließe sich dessen anhaltender Rekrutierungserfolg unter den Muslimen im Westen nicht stoppen. Sie denkt, dass die Rekrutierung nicht unbedingt durch die grausamen Videos erfolgt, sondern mehr durch das Ansprechen eines Gefühls, was sehr viele junge Menschen vor allem mit Migrationshintergrund in der westlichen Welt haben: “Das ist einfach das Gefühl des Alleinseins – vernachlässigt werden von der Gesellschaft und ausgestoßen werden von der Gesellschaft.” 46.000 Follower soll allein der beliebteste IS-Tweed haben. Die Prognose von Waslat Hasrat-Nazimi: Trotz Polizei-Hackerei durch die Europol-Behörde wird die IS-Propaganda weiter ihre Abnehmer finden. “Das Netz war schon immer schneller, und es wird immer schneller sein”, sagt Waslat Hasrat-Nazimi. “Das sieht man ja auch in anderen Ländern. China zum Beispiel, Iran zum Beispiel. Egal, was sich die Regierung einfallen lässt. Ich denke, dass das auch in Europa sein wird.” Daher bleibt für sie nur die Schlacht der Argumente.

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