Afghanistans Einheitsregierung schon am Ende?

Vor einem Jahr träumten viele Afghanen von einer besseren Zukunft: Mehr Sicherheit, mehr Jobs, weniger Korruption – das hatte damals der neue Präsident Ashraf Ghani versprochen. Halten konnte er es nicht.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani bei einer Rede am 1. Januar 2015 - einen Tag nach dem offiziellen Ende der NATO-Kampfmission (Foto: picture alliance/AP Images/R. Gul)

Kundus ist in Taliban-Hand. Die erste afghanische Provinzhauptstadt ist wieder unter Kontrolle der radikalen Islamisten. Zwei Jahre nach Abzug der Bundeswehr und gerade einmal neun Monate nach dem Ende der ursprünglichen NATO-Mission in Afghanistan. Einen Tag nach dem Sturm auf Kundus hat die afghanische Regierung mittlerweile mit einer Gegenoffensive begonnen und versucht, die Kontrolle über die Stadt zurückzuerobern.

Schon im April sah es zeitweise so aus, als würde die Provinzhauptstadt an die radikal-islamischen Taliban fallen. “Das ist die schlimmste Situation in Kundus seit 2002”, warnte damals der Vizegouverneur der Provinz, Hamdullah Daneschi. “Die Taliban sind stärker geworden und sie werden die gesamte Provinz erobern, wenn unsere Sicherheitskräfte nicht Unterstützung aus der Hauptstadt erhalten.” Durch Bewaffnung lokaler Milizen und Verstärkung der Sicherheitskräfte konnte ein solches Schreckenszenario damals noch verhindert werden. Nun ist es doch eingetreten.

Schlechte Noten für die Regierung Ghani

Aus Sicht der afghanischen Bevölkerung ist das ein Armutszeugnis für die Regierung der Nationalen Einheit unter dem seit genau einem Jahr amtierenden Präsidenten Ashraf Ghani. Und auch verheerend nach 14 Jahren NATO-Einsatz. “Die neue Regierung hat versagt”, sagt Fawzia aus der Nachbarprovinz Baghlan. “Sie hat viele Versprechen gegeben, aber eingehalten hat sie davon kaum eine. Die Sicherheitslage ist schlecht, aber statt die Taliban zu bekämpfen, hat sie schwache Kompromisse mit ihnen verhandelt“, so die junge Frau. “Und die, die darunter leiden, sind die Afghanen”, sagt sie.

Trotz verbreiteter Unzufriedenheit mit der Regierung Ghani sei der Ansatz bei ihrer Bildung im Kern richtig gewesen, findet Malalai aus Kundus. “Die Idee einer Einheitsregierung ist in der Theorie eine gute”, sagt sie. “Aber ihr Erfolg ist davon abhängig, ob auch gute und professionelle Kräfte in der Regierung eingesetzt werden, die verantwortungsvoll gute Regierungsführung ausüben.” Stattdessen seien jedoch Regierungsposten nach dem altbewährten Patronagesystem vergeben worden.

Infografik: Wie zufrieden sind die Afghanen mit ihrer Regierung (Quelle: DW)Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen: die Ergebnisse der DW-Umfrage zur Zufriedenheit mit der Regierung Ghani

Auf den Seiten des Dari- bzw. Paschtu-Angebots hat die Deutsche Welle eine Umfrage gestartet und wollte von den Menschen wissen, wie zufrieden sie mit der Einheitsregierung sind. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Über 80 Prozent der User gaben an, sie seien überhaupt nicht oder nicht zufrieden. Nur 7,5 Prozent waren sehr zufrieden mit der Arbeit der Regierung. An eine rosige Zukunft glaubt fast niemand mehr.

Neue Flüchtlingswelle

Kabir aus Kundus ist ebenfalls bitter enttäuscht. “Im Wahlkampf sprach Präsident Ghani oft von der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und davon, für die Jugend Arbeitsplätze bereit zu stellen”, sagt er. “Aber bisher ist keines dieser Versprechen eingelöst worden. Viele Jugendliche sind arbeitslos, oder sie fliehen aufgrund der Unsicherheit und fehlenden Jobs aus dem Land.” Dafür, so Kabir, nehmen sie sogar die Gefahren der waghalsigen Reise in Kauf.

Das sieht Parwin Tufan aus der Provinz Farah ähnlich. “Die Menschen hatten so viel Hoffnung, dass Afghanen aus dem Ausland zurückkehren. Stattdessen versuchen nun so viele wie möglich, das Land zu verlassen: nicht nur hier oder in Kabul, sondern überall in Afghanistan.” Und das sei das deutlichste Indiz dafür, dass die Regierung gescheitert sei.

Täglich stehen tausende Menschen in der Hauptstadt Kabul bei den Behörden Schlange, um ihren Pass zu beantragen, etwa 2000 Pässe werden jeden Tag ausgestellt. Die meisten wollen schnellstmöglich das Land verlassen, träumen von einem besseren Leben in Europa. Versuche von Seiten der afghanischen Regierung oder privater Initiativen, die Menschen zum Bleiben zu überreden, brachten bislang keinen durchschlagenden Erfolg. Und nach den jüngsten Entwicklungen in Kundus könnte die Zahl derer, die so schnell wie möglich weg wollen aus Afghanistan, eher noch weiter steigen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf:  DW.com

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