“Taliban haben ihr Ziel in Kundus erreicht”

Regierungstruppen versuchen, die Stadt Kundus von den Taliban zurückzuerobern. Ein afghanischer Einwohner, der nach dem Einmarsch der Taliban nach Kabul fliehen konnte, hat mit der DW über seine Eindrücke gesprochen.

Sicherheitskräfte und Einwohner an einer Einfallstraße nach Kundus (Foto: Getty Images/AFP)

DW: Sie waren in der Stadt, als die Taliban Kundus einnahmen. Wie haben Sie die Geschehnisse erlebt?

Gegen drei Uhr morgens begann der Angriff der Taliban, überall konnte man Schüsse hören. Die Kämpfer lieferten sich mit afghanischen Sicherheitskräften Schusswechsel von Haus zu Haus. Zwischen acht und neun Uhr morgens haben die Angreifer dann wichtige Regierungsposten und öffentliche Gebäude eingenommen. Wir saßen zu Hause und hörten davon, wie schnell die Taliban einen Ort nach dem anderen einnahmen. Gegen drei Uhr nachmittags hörten wir dann, dass sie seelenruhig in die Stadt marschierten und dann ihre Flagge im Zentrum der Stadt hissten.

Was haben Sie in dem Moment empfunden?

Ich habe nur Hoffnungslosigkeit empfunden, als hätte ich meine größte Prüfung nicht bestanden. Wir waren so traurig, dass wir nicht mal weinen konnten. Als sie dann auch noch das Gefängnis stürmten und die Gefängnisinsassen herausließen, herrschte eine drückende Atmosphäre. Ein Teil der Stadt feierte und der andere verdrückte sich und suchte nach Wegen, um herauszukommen. Rauch stieg aus den Büros der UN und von NGOs. Ich konnte dann die Stadt auf dem Motorrad verlassen, vorher hatte meine Mutter den heiligen Koran über mich gehalten, als ich das Haus verließ.

Wie haben Sie es geschafft, unbemerkt heraus zu kommen?

Ich trug eine Kopfbedeckung, die mich tarnte. Auf Umwegen sind wir (der Augenzeuge und ein ungenannter Begleiter – Red.) zum Flughafen gefahren, den letzten Teil des Weges waren wir zu Fuß. Am Flughafen standen Polizeiautos von Polizisten, die offenbar geflüchtet waren. Hauptsächlich waren Regierungsvertreter und die Polizei am Flughafen, alle wollten schnell verschwinden, sie riefen ihre Familien an, dass sie die Stadt verlassen sollten. Durch einen Bekannten schaffte ich es, in ein Flugzeug nach Kabul zu stiegen. Mit mir saßen Regierungsbeamte im Flieger, die in Kabul Verstärkung holen sollten, wie ich mitbekam.

Welches Ziel verfolgen die Taliban mit dem Einmarsch in Kundus?

Nach meinen Informationen haben sie alles geplündert, vor allem Regierungsbüros, bisher habe ich keine Informationen dazu, dass sie auch Banken ausgeraubt hätten. Sie haben alle möglichen Waffen an sich genommen, aus Beständen der Regierung und der Milizen, dazu Computer, Möbel und etliche gepanzerte Autos. Ich glaube, die Taliban sind aus mehreren Gründen in Kundus eingefallen: Zum einen wollten sie ihre Stärke beweisen, dann wollten sie Ausrüstung, Waffen und Autos stehlen, aber auch das geregelte Leben in Kundus zerstören, was ihnen gelungen ist. Sie haben zivile Gebäude in Brand gesteckt und wichtige Dokumente von den Sicherheitsorganen gestohlen. Darüberhinaus haben sie ihre Gefangenen befreit. Ob sie Kundus wieder an die Regierung verlieren, spielt jetzt keine Rolle mehr. Sie haben ihr Ziel bereits erreicht.

 Dieser Artikel erschien ursprünglich auf:  DW.com
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