Anschlag in Kabul: “Regierung im Visier der Taliban”

Für die Taliban in Afghanistan hat der Kampf gegen die Regierung Priorität – auch wenn dabei Zivilisten sterben. Das zeigt der jüngste Anschlag. Die DW sprach mit Alexey Yusupov, Leiter der FES-Stiftung in Kabul.

Afghanische Sicherheitskräfte in der Nähe des Verteidigungsministeriums nach dem Anschlag (Foto: picture-alliance/dpa/H. Amid)

Deutsche Welle: Wie haben Sie den Anschlag erlebt?

Das war heute Morgen, kurz nach acht Uhr, der definitiv größte und verheerendste Anschlag in der Hauptstadt seit August letzten Jahres, als eine Lkw-Bombe im Wohnviertel Shah Shaheed explodierte. Mit mehr als 300 Verletzten war es vielleicht sogar der größte Anschlag in der Hauptstadt insgesamt in den vergangenen 15 Jahren, wenn sich die Opferzahlen bestätigen.

Über Twitter rufen Krankenhäuser zur Blutspende auf, Hunderte von Afghanen reagieren schon. Auch unser Büro wird sich beteiligen. Berichten zufolge hat es sich auch diesmal um eine Lkw-Bombe gehandelt, die unzählige Fenster und Windschutzscheiben noch kilometerweit von der Explosionsstelle zu Bruch gehen ließ. Wie wir jetzt wissen, war das Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit das Direktorat 10, also so etwas wie das deutsche BKA, eine Unterabteilung des Sicherheitsdienstes.

Unser Büro ist in unmittelbarer Nähe von medizinischen Einrichtungen – so bekamen wir mit, wie die Krankenwagen losgefahren sind. Die Lage beruhigt sich eher langsam, weil zusätzliche Polizeikräfte in das Stadtzentrum verlegt werden, man sieht viele Helikopter am Himmel. Wir haben zudem Berichte gehört, dass es weiterhin Schusswechsel gibt.

Alexey Yusupov Leiter des Kabuler Büros der Friedrich-Ebert Stiftung (Foto: FES)

Was sagen Anschläge wie diese über die Strategie der Taliban in der diesjährigen Frühjahrsoffensive, die ja erst vergangene Woche begonnen hat?

Die tatsächliche und auch die erklärte Strategie ist weiterhin die Fortführung des Kampfes gegen die Regierung, wenn man die offizielle Ankündigung zur neuen Frühjahrsoffensive vom 12. April liest. Wobei man sagen muss, dass diese Ankündigung symbolischen Charakter hat, weil die Zahl der Anschläge über den Winter nicht zurückgegangen ist.

Trotzdem ist es schon so, dass man ablesen kann, welche Ziele sich die Taliban für die nächste Saison setzen. Laut ihren eigenen Aussagen setzen sie ihren Kampf gegen die Regierung fort. Die USA werden als Besatzer und die afghanische Regierung als ihre Marionetten bezeichnet. Die Zielauswahl fällt dementsprechend auf Regierungseinrichtungen, vor allem militärische. Das entspricht auch den Anschlägen der vergangenen Wochen. Das Tragische ist jedoch, dass die absolute Mehrheit der Opfer bei dem heutigen Anschlag Zivilisten sein werden. Die Kabuler Bevölkerung fühlt sich somit ebenfalls als Zielscheibe. Das wird in der Taliban-Propaganda unterschlagen.

Was bedeutet das für die Friedensgespräche, auf die die Regierung in Kabul und die USA gesetzt haben?

Die eigentliche Botschaft der Frühjahrsoffensive ist die, dass auch in diesem Jahr die Bemühungen um einen Beginn direkter Gespräche zwischen Taliban und der Nationalen Einheitsregierung fehlgeschlagen sind. Die Erwartung war, dass vor allem die Volksrepublik China Druck auf Pakistan und diese wiederum Druck auf die Taliban ausübt, um letztere an den Verhandlungstisch zu bringen. Es gab durchaus hoffnungsvolle Momente, wo man gedacht hat, dass es tatsächlich eine Aussicht auf Gespräche gibt.

Es gibt zudem einen “kleinen Friedensprozess” mit der Hisb-i Islami des früheren Mudschahidin-Führers Gulbuddin Hekmatyar, eine militante islamistische Gruppierung, die auf einer Sanktionsliste der UN steht. Da gibt es durchaus Fortschritte: Hekmatyar hat zum ersten Mal seine wichtigste Forderung aufgegeben, dass er nur verhandeln werde, wenn die Besatzer abgezogen sind. Leider ist die Bedeutung dieses kleinen Friedensdeals nur symbolisch, denn die tatsächlichen Friedensgespräche mit den Taliban haben eben nicht begonnen.

Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass sich das in dieser Kampfsaison ändern wird. Die Strategie der Taliban hat sich zudem dahingehend geändert, dass sie jetzt nicht mehr nur auf Anschläge setzen, sondern Territorium erobern wollen. Eine weitere Chance für die Auslotung von Gesprächen wird es also nicht vor Ende des Jahres geben, und bis dahin werden die Taliban ihre Verhandlungsposition gestärkt haben.

Alexey Yusupov ist Leiter des Kabuler Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Das Gespräch führte Waslat Hasrat-Nazimi.

Das Interview erschien zuerst auf:  DW.com

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