Rückkehr des Terrors in Kundus?

Ein Jahr nach dem Fall sind Großteile der afghanischen Provinz Kundus weiterhin umkämpft. Die Taliban stehen von den Toren der gleichnamigen Hauptstadt. Die Bewohner rechnen jederzeit mit der Rückkehr des Terrors.

Leben in Kundus (Foto: DW)

Ali Sina weiß noch genau, was an diesem Tag vor einem Jahr passiert war, als die Taliban die Stadt einnahmen. Er war selbst in Kundus, als die Taliban-Kämpfer einmarschierten. “An diesen Tagen lebten die Menschen in Horror und Schrecken. Viele Gebäude wurden zerstört. Die Läden wurden geplündert. Etwa acht bis neun Tage konnten die Bewohner ihr Zuhause nicht verlassen. Niemand war in der Stadt. Es gab kein Brot, kein Wasser und keinen Strom”, sagt Ali.  Es ist ein Jahr her, dass die Taliban nordafghanische Stadt Kundus einnahmen. Vor zwei Jahren stand hier noch ein großer Militärstützpunkt der deutschen Bundeswehr. Nach deren Abzug fiel die ehemalige Militärbasis in die Hände der radikal-islamischen Kämpfer. Das war der größte Erfolg der Terrororganisation seit dem Sturz der Talibanregierung in 2001.

(Grafik: DW)

Gefahr ist überall

Seit einem Jahr herrsche immer noch keine Sicherheit in der Stadt, sagt Ali. “Die Lage ist sehr schlecht. Die Sicherheitslage ist nicht stabil. Wenige Kilometer außerhalb der Stadt wird gekämpft. Die Bewohner in den Distrikten leiden darunter, dass sie von der Stadt abgeschnitten sind.” Allein seit Januar 2016 waren 260.000 Menschen in Afghanistan zur Flucht gezwungen. Sie sind in die Nachbarprovinzen gezogen oder leben in Slums in der Hauptstadt Kabul. Neben den Provinzen Baghlan und Helmand ist Kundus einer der drei Hauptherkunftsregionen afghanischer Binnenflüchtlinge.

Die Verantwortung trügen allein die afghanischen Sicherheitskräfte, sagt Mohan Mohsen Ahmadi, ein Vertreter der afghanischen Zivilgesellschaft in Kundus. “Die Sicherheitskräfte schaffen es nicht, die Taliban komplett zurückzudrängen. Auch in der Provinz also kurz vor der Stadt Kundus lassen sich auch heute noch Aufständische beobachten”, so Ahmadi. Zwar habe die Ausbildung und Unterstützung der deutschen Bundeswehr den afghanischen Sicherheitskräften enorm geholfen. Aber ohne angemessene Ausrüstung und Truppenstärke könnten sie nicht viel bewirken.

Binnenflüchtlinge in Kabul (DW/H. Sirat)

Binnenflüchtlinge in Afghanistan

Feind in eigenen Reihen

Hinzu kommt, dass die Sicherheitskräfte immer wieder von Taliban infiltriert werden. Erst kürzlich wurden in der Nacht zum Dienstag in Kundus mindestens 12 Soldaten von zwei ihrer Kameraden im Schlaf getötet. Beide sollen Verbindungen zu den Taliban haben, wie es sich erst später herausstellte, und konnten fliehen. Die Polizei setzte eine Untersuchung sowie eine Suchaktion ein. Die Taliban bekannten sich zu der Tat. Derartige “Insider-Angriffe” kommen in Afghanistan immer wieder vor. Die Taliban rekrutieren entweder Soldaten oder Polizisten und schleusen ihre eigenen Leute in den Sicherheitsapparat ein. Deshalb sei die Sicherheitsüberprüfung der Anwärter so wichtig, sagt Sher Aziz Kamawal, Polizeikommandant in Kundus. “Wir werden diese Menschen durchleuchten. Wir befragen nicht nur die Familien der Rekruten, sondern auch die Ältesten im Dorf.”

Kamawal gibt zu, dass ihnen die extremistischen Kräfte einen Schritt voraus seien. Aber die Polizei und Armee seien auf einem guten Weg. “Sie können Kundus dieses Jahr nicht noch einmal bezwingen”, sagt er, “sie haben es bereits dreimal versucht. Aber wir waren stärker und haben sie zurückgedrängt.” Allein im letzten Monat habe die Polizei und Armee in Kundus 365 Talibankämpfer getötet und 170 weitere verletzt. Einen großen Teil ihrer Waffenausrüstung hätten sie verloren, hieß es weiter. “Wir greifen sie mittlerweile auch nachts an. Das hat sie dermaßen beunruhigt. Sie verschanzen sich deshalb in den Häusern der Bewohner und missbrauchen sie als Schutzschilder, damit sie nicht angegriffen werden.”  Der Preis dafür war sehr hoch. Laut den afghanischen Behörden waren 2015 etwa 16.000 afghanische Polizisten und Soldaten getötet worden.

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht auf:  DW.com 

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