Flüchtlingshilfe nach Rückeroberung von Kundus

Die Taliban wurden zwar aus Kundus wieder zurückgedrängt. Aber die Lebensgrundlage vieler Einwohner ist zerstört. Die Flüchtlinge werden in den umliegenden Städten versorgt, auch die Zentralregierung kümmert sich.

Flüchtlingslager in Kundus (Foto: Getty Images/AFP/S. Marai)

“Viele Geschäfte und Läden sind durch Feuer zerstört worden. Viele Menschen wurden getötet oder verletzt”, sagt Abdul Latif. Mit seiner Familie ist er vor einer Woche aus dem umkämpften Kundus nach Masar-i Sharif gekommen. “Nur unter großen Schwierigkeiten konnte ich meine Familie aus der Stadt retten. Davor steckten wir tagelang fest. Es gab keinen Ausweg und kein Brot und Wasser.”

So wie Abdul Latif sind Tausende Bewohner von Kundus in die Nachbarprovinz Balch nach Masar-i Sharif geflüchtet und halten sich in der Stadt verteilt auf. “Wir schätzen, dass in den letzen zwei Wochen knapp 40.000 Menschen aus Kundus geflohen sind”, sagt Danielle Moylan, Sprecherin des UN-Büros für humanitäre Hilfe (OCHA) in Afghanistan. “Die meisten sind in nahe gelegene Städte wie Talokan, Kabul, Masar-i Sharif, Pul-e Khumri und Faisabad gegangen.”

Viele kommen privat unter. Wer niemanden kennt, muss in ein Flüchtlingslager. Das bleibt Latif erspart. “Hier in Masar leben wir in einem Haus von Bekannten”, sagt Latif. “Aber die ganze Familie muss sich ein Zimmer teilen.”

Mädchen vor zerstörter Ladenfront in Kundus (Foto: DW/C. James)

Zusammenarbeit von UN, NGOs und Zentralregierung

Anfang Oktober begannen die Taliban ihre Offensive gegen die Provinzhauptstadt Kundus. Tagelang lieferten sich Taliban-Kämpfer und afghanische Sicherheitskräfte Gefechte. Unterstützt wurde die afghanische Armee aus der Luft von US-Streitkräften. Am Mittwoch erklärte die Regierung, Kundus sei befreit. Die Taliban hätten sich zurückgezogen und seien zurückgedrängt worden. Zwar ist die Stadt Kundus vorerst wieder sicher, in den Distrikten der Provinz gehen die Kämpfe jedoch weiter.

Abdul Latif und seine Familie seien nur eine von vielen, die als Binnenflüchtlinge in der Stadt ankommen und unter den Auswirkungen des Krieges leiden, erklärt Danielle Moylan. “Viele der Binnenflüchtlinge sind nur mit wenigen Habseligkeiten zu Fuß unterwegs. Die erste Nacht mussten einige unter freiem Himmel schlafen.” In der Not waren schnelle Lösungen gefragt. “UN und die Regierung arbeiten zusammen, um Zelte und  Nahrung zur Verfügung zu stellen. Zudem wurden auch sichere Camps mit sanitären Noteinrichtungen, sauberem Wasser und sicheren Bereiche für Kinder aufgebaut.”

Aber nicht alle erreicht diese Hilfe. Auch Fereshta ist mit ihrer Familie geflüchtet. “Wir haben bisher von keiner NGO Hilfe erhalten”, sagt sie. “Die lokalen Behörden aber sind uns zu Hilfe gekommen.  Die meisten Flüchtlinge sind im Camp Haji in Masar-i Sharif. Dort wird ihnen von der Provinzregierung Brot und Wasser geliefert. Weil ich aber im Haus von Freunden lebe, habe ich keinen Zugang zu dieser Unterstützung.”

Flüchtlinge im Flüchtlingslager Chost in (Foto: DW/N. Matoonwal)

Drohende Flüchtlingskrise?

6000 Bewohner aus Kundus leben im Camp Haji. Die Zivilgesellschaft ist mit der Arbeit der Provinzregierung bisher zufrieden. So auch Mariam, die sich bei den NGOs vor Ort für die Belange der Frauen unter den Flüchtlingen in Masar-i Sharif einsetzt. “Die Aufmerksamkeit der Regierung ist nun verstärkt auf die Flüchtlinge in Masar gerichtet und wir sind für ihre Hilfe dankbar”, sagt sie gegenüber der DW. Was ihr jedoch Sorgen macht, ist die mangelnde psychische Betreuung der Flüchtlinge. Vor allem Frauen und Kinder litten unter den Bedingungen der Flucht.

Kundus ist offiziell wieder in den Händen der Regierung, aber dass alle Binnenflüchtlinge wieder nach Hause zurückkehren können, ist nicht sicher. Viele Bewohner sind durch die immer wieder auftauchenden Gefahr und die Kämpfe vor den Toren der Stadt zermürbt. Die Zahl der Binnenflüchtlinge ist für Afghanistan eine große Belastung. In diesem Jahr haben bisher über 250.000 Menschen ihre Häuser und Wohnungen aufgrund von Kämpfen verlassen. Hinzu kommt die hohe Zahl der Rückführungen von Flüchtlingen aus dem Ausland. “In der letzten Woche sind mehr als 50.000 Flüchtlinge aus Pakistan zurückgekehrt, kurz vor dem Beginn des Winters”, sagt Danielle Moylan. Bis zum Ende des Jahres rechnen die UN mit einer Gesamtzahl von einer Million Rückkehrern.

Unter Mitarbeit von Mohammad Saber Yosofy

Dieser Artikel erschien zuerst auf:  DW.com

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