Bürokratie erschwert Flüchtlingen Job-Einstieg

Integration ohne einen Job ist kaum möglich. Viele Flüchtlinge wollen arbeiten, aber Bürokratie-Chaos, Sprachbarrieren bei Behörden und lange Wartezeiten machen es ihnen schwer, einen Einstieg zu finden.

Pakistanischer Flüchtling als Lehrling in Chemnitz (picture alliance/dpa/J. Woitas)

Kommen Flüchtlinge nur nach Deutschland, um dem Sozialstaat Deutschland auf der Tasche zu liegen? Oder nehmen Flüchtlinge den Deutschen die Arbeitsplätze weg? Während diese Fragen von einigen Deutschen gestellt werden, sieht die Realität für Flüchtlinge oft anders aus. Häufig sind arbeitswillige Flüchtlinge frustriert, weil ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt bleibt. Es gibt viele Hindernisse zu überwinden. Von der Anerkennung der heimischen Abschlüsse über das Zurechtfinden auf dem Arbeitsmarkt bis hin zur fremden Gesetzeslage. Einen Job zu finden ist für viele Flüchtlinge erst mal ein sekundäres Problem. Und ist der Job gefunden, ist das noch keine Garantie für den sofortigen Einstieg.

So wie bei dem Marokkaner Karim Taberhite. Nach gerade mal acht Monaten in Deutschland bekam der 24-jährige über ein Praktikum einen Ausbildungsplatz als Koch in einem Restaurant in Bonn geboten. Jetzt fehlte nur noch die Arbeitserlaubnis. “Bei der Ausländerbehörde bekam ich die aber nicht”, erzählt Taberhite. “Zuerst fragen sie einen immer, woher man kommt. Weil ich aus Marokko komme und wir seit der Silvesternacht 2015 hier schlecht angesehen werden, sind die Sachbearbeiter im Amt meistens unfreundlich zu mir”, so der 24-jährige.

Karim hat zwei Wochen Zeit, um die Arbeitserlaubnis für seine Ausbildung einzuholen. Das Amt vertröstete ihn auf zwei Monate. Solange konnte er aber nicht warten. Über seinen Lehrer und dessen Kontakte zum Jobcenter geht er mit einem Jobcenter-Mitarbeiter noch einmal zum Amt und der macht Druck. Diesmal geht auf einmal alles ganz schnell. Innerhalb von zwei Tagen hält er das ersehnte Papier in den Händen.

Blockierende Bürokratie

Sein Lehrer, Markus Kloss, ist mit dem Thema vertraut. Nach 40-jähriger Karriere als Koch bereitet er heute Flüchtlinge im Betrieblichen Beratungszentrum (BBZ) in Bonn auf das Arbeitsleben vor. Viele seiner Schützlinge sind mit Widerständen und Frustration konfrontiert. Etwa drei von zehn Schülern seien extrem motiviert, sagt er. Das sei immer so, unabhängig von der Nationalität. “Oft ist es so, dass ich daraus Einzelne schon nach drei Wochen vermitteln kann”, lobt er seine Schüler.

Das Problem: Die formalen Verfahren für den Arbeitseinstieg sind nicht auf Schnelligkeit ausgelegt.  Gäbe es ein zentrales System, das alle Informationen vernetzt und den Flüchtlingen die Arbeitserlaubnis schneller ausstellt, wäre allen geholfen. Leider seien sowohl Jobcenter als auch die Ausländerbehörde nicht eng genug vernetzt. Teilweise widersprechen sich die Behörden. Dazu gebe es oft neue Verordnungen und Verfahrensweisen. “Die Situation ist nicht so, dass man viele Fälle schnell abarbeiten kann, obwohl der Bedarf da ist”, kritisiert Kloss.

Wie ein Verfahren abläuft, ist zudem auch standortabhängig und von Fall zu Fall verschieden. So wie bei Gulkhan Dawoodzai, der ebenfalls von Markus Kloss betreut wurde. Der 20-jährige Afghane bekam Ende letzten Jahres eine Ausbildung angeboten. “Ich habe dann mithilfe meines Lehrers meine Unterlagen beim Jobcenter eingereicht und dann haben wir uns noch an die IHK gewendet”, erklärt er. “Das alles verlief ziemlich flüssig und zum 1. Januar habe ich meine Ausbildung angefangen”. Der junge Afghane hat bisher keine Antwort auf sein Asylbegehren erhalten. Trotzdem will er bereits anfangen zu arbeiten und sich integrieren. Neben seiner Ausbildung besucht er auch weiterhin einen Deutschkurs.

Länderverteilung hindert Integration

Eines der größten Hindernisse ist jedoch die fehlende Flexibilität der arbeitsuchenden Flüchtlinge. Will ein Flüchtling für einen Job umziehen, muss er dazu als Asylberechtigter anerkannt sein. Die nächste Bedingung ist, dass keine Wohnsitzauflage vorliegt. Diese zu umgehen ist ein langwieriger Prozess und sehr schwierig. Bisher werden Flüchtlinge nach dem Königssteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, der sich nach Bevölkerungsdichte und Steueraufkommen errechnet. Das bedeutet aber nicht, dass Flüchtlinge in die Region verteilt werden, wo es am meisten an Arbeitskräften fehlt.

So wie bei Rahmat Haidari, der in Dresden lebt. Haidari ist afghanischer Filmemacher und Journalist. In Afghanistan hat er für den zweitgrößten, nationalen Fernsehsender gearbeitet und war Aktivist in der afghanischen Zivilgesellschaft. In seiner Stadt hat er keine Arbeit in seinem Fachbereich gefunden. Bei einem Medienhaus in Köln, also 600 km weit weg, könnte er als freier Mitarbeiter anfangen. Dafür müsste er allerdings umziehen – doch seine Wohnsitzauflage verhindert das.

“Ich habe bereits vor vier Monaten einen Antrag dazu gestellt”, sagt er. “Die Dresdner Behörde hat ihn nach Köln weitergeleitet, und jetzt muss ich auf deren Entscheidung warten”. Haidari kommen die Tage ewig vor. Dann kommt eine Antwort: Er könnte nur dann umziehen, wenn er alle Kosten selbst tragen würde. Für den 27-jährigen ein unsicheres Unterfangen.

Die Arbeitssuche ist für Flüchtlinge ein Abenteuer. Dabei stellen immer mehr Unternehmen Flüchtlinge ein. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stieg der Anteil der Firmen, die Flüchtlinge beschäftigen um vier Prozent auf insgesamt zehn Prozent. Fast jedes dritte große Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern beschäftigt Flüchtlinge. Letztes Frühjahr traf das nur auf jedes siebte Unternehmen zu, so das IW.

Wenn es dann doch klappt, dann weiß Markus Kloss, dass sich die Mühe gelohnt hat. “Wenn man sein Bestes gegeben hat und das Unmögliche getan hat, um das Mögliche zu erreichen, dann schließt sich der Kreis”, sagt er lachend. Nach drei Monaten besuchte er Karim Taberhite in seinem neuen Ausbildungsplatz. “Er kam später zu mir in die Arme und hat sich immer wieder bedankt und bitterlich geweint. Das ist so ein Moment, den werde ich in meinem Leben nie vergessen”.

Dieser Artikel erschien zuerst auf:  DW.com

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