Interview: “Echte Eigenverantwortung frühestens 2017”

Laut jüngstem Fortschrittsbericht der Bundesregierung ist die Sicherheitslage “in vielen Teilen Afghanistans noch instabil.” Auch der Berliner Militärexperte Michael Paul glaubt nicht an schnelle Fortschritte.

Dr. phil. Michael Paul, Senior Fellow und Projektleiter an der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP)Das Bild hat uns Herr Paul selbst zugeschickt. Zulieferer: Waslat Hasrat-Nazimi Die Petersberger Konferenz in Bonn jährt sich nun zum elften Mal. Unter anderem ging es langfristig dabei um die Gewährleistung der inneren Sicherheit durch die Afghanen. 2014 soll es mit dem Abzug der internationalen Truppen soweit sein. Wie schätzen Sie die Lage derzeit ein?

Michael Paul: Die derzeitige Sicherheitslage in Afghanistan ist schlecht und hat sich im Vergleich zu 2009 noch verschlechtert. Die Entwicklung der Sicherheitslage und die erfolgreiche Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Einheimischen hängen im Wesentlichen davon ab, dass der zahlenmäßige Aufwuchs und die Qualität afghanischer Sicherheitskräfte verbessert werden. Gemeint sind hier die Afghanische Nationalarmee (ANA) und die Afghanische Nationalpolizei (ANP). Die 352.000 Soldaten und Polizisten in Afghanistan erfolgreich auszubilden, davon hängt auch unmittelbar der geplante Abzug der ISAF-Truppen ab.

2014 werden die ISAF-Truppen das Land verlassen. Die internationale Hilfe konzentriert sich demnächst auf die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. Sind die Afghanen schon in der Lage, für Sicherheit zu sorgen?

Man muss leider feststellen, dass der Aufbau der Afghanischen Nationalarmee (ANA) und der Nationalpolizei (ANP) jahrelang von Versäumnissen und Defiziten gekennzeichnet war. Strukturell zielten die politischen Bemühungen zunächst auf den Aufbau einer kleinen Hilfsbodentruppe, also einer Kampfeinheit gegen die Taliban. Dementsprechend waren die Investitionen gering und das Training eher rudimentär. Obwohl sich die Sicherheitslage signifikant verschlechtert hat, wird erst seit wenigen Jahren eine quantitative Aufstockung der Sicherheitskräfte geplant. In diesem Kontext spielt die Ausbildung für afghanische Polizisten und Soldaten eine wesentliche Rolle. Ich gehe davon aus, dass die afghanischen Sicherheitskräfte erst nach 2017 in der Lage sein werden, alle sicherheitsrelevanten Aufgaben selbst wahrzunehmen. Continue reading
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Künstler im Visier der Extremisten

Waslat Hasrat-Nazimi

Wird Afghanistan nach dem Truppenabzug eine kulturelle Wüste, aus der Kino und Musik verbannt sind? Schon jetzt greifen Extremisten immer häufiger Schauspielerinnen an. Eine Künstlerin musste bereits sterben.

Es ist schon dunkel, als Sonia sich auf den Weg nach Hause macht. Noch in Gedanken bei dem Kunst-Festival in Kabul, wo die junge Schauspielerin am Montag (15.10.2012) einen ausgelassenen Abend verbracht hat, geht sie zu ihrem Auto. Da passiert das Schreckliche: Ein Mann schleudert ihr im Vorbeirennen ein Pulver ins Gesicht. Sonia sieht nichts mehr, sie spürt einen kaum erträglichen Schmerz, schreiend hält sie sich die Augen zu.

Sonia Sarwari, afghanische Schauspielerin aus Kabul (Foto: Afghan Eyes) Das Motiv des unbekannten Täters ist klar: Sonia Sarwari sollte für ihre angeblich “unislamische” Arbeit als Schauspielerin im Kino und Fernsehen bestraft werden. Frauen, die sich in die Öffentlichkeit wagen, werden von vielen Mullahs in Afghanistan als “unehrenhaft” diffamiert. Die 19-jährige geht zum Arzt, der stellt zum Glück “nur” eine Verletzung ihrer Bindehaut fest. Jetzt ist ihr Auge verbunden, sie trägt eine schwarze Brille. Ganz überraschend kam der Angriff nicht, wie Sonia berichtet: “Ich bekomme eigentlich jeden Tag Drohungen am Telefon, dass man mich erschießen will oder auf andere Weise töten, aber das hier hat mich wirklich tief verletzt.”

Auf sich allein gestellt

Es ist nicht das erste Mal innerhalb von nur wenigen Monaten, dass eine junge Schauspielerin in Afghanistan attackiert wird. Ende August starb die 18-jährige Benafsha vor einer Kabuler Mosche an ihren Stichwunden. Sie war mit zwei Kolleginnen unterwegs, als sie von einer Gruppe Männer angegriffen wurden. Benafshas Berufskollegin und Freundin Sahar Parniyan bekommt seit dem schrecklichen Ereignis ebenfalls Todesdrohungen und lebt versteckt. Gegenüber DW.DE berichtet sie, sie habe den Polizeichef von Kabul angerufen und um Hilfe gebeten. Zu ihrer Familie könne sie nicht, weil sie auch Angst um sie habe. “Aber er hat sich nicht darum gekümmert und gesagt, es sei nicht seine Angelegenheit. Wenn sogar die Polizei nicht bereit ist, uns zu schützen, was soll ich dann noch in diesem Land”, fragt sich Sahar Parniyan verbittert.

Porträt von Sahar Parniyan, Schauspielerin aus Afghanistan (Foto:privat) Noch bis in die 90er Jahre besaß Afghanistan eine lebendige Kinokultur und Musikszene. Gedichte und Literatur gehören zum Alltag, selbst bei Afghanen, die nicht lesen und schreiben können. Heute gelten Kinos als Treffpunkt für Drogenabhängige und bleiben leer, Schriftsteller üben Selbstzensur, Verlagshäuser gibt es keine. Die Kriegsjahre hätten Afghanistan kulturell verdorren lassen, sagt der Dichter Kawa Gibran. Er befürchtet, dass sich nach dem Abzug der internationalen Truppen im Jahr 2014 die Lage für Künstler weiter verschlechtern wird. “Es deutet alles darauf hin, dass es für uns schlecht aussieht. Die internationale Gemeinschaft hat den Krieg verloren. Die Taliban erstarken. Man sieht es an der derzeitigen Machtverteilung in der Regierung. Die Verfassung wird je nach Belieben ausgelegt”, sagt Gibran.

Künstler von der Regierung enttäuscht

Nachdem unter den Taliban Musik und Fernsehen gänzlich verboten waren, habe es nach ihrem Sturz einen kulturellen Aufschwung gegeben, Filme wurden produziert und neue Lieder im Radio gespielt. Mit der schleichenden Rückeroberung der Macht durch die Extremisten seien jedoch auch die Restriktionen zurückgekehrt.

Viele Künstler und Intellektuelle haben das Land bereits verlassen, andere werden ihnen notgedrungen folgen. So auch der bekannte afghanische Musiker Ustad Gulzaman. Er beklagt, dass trotz der vielen Milliarden, die in den vergangenen Jahren ins Land geflossen seien, die intellektuelle und künstlerische Elite nicht unterstützt werde. “Ich liebe meine Heimat und meine Kunst, aber diese Regierung schert sich nicht um uns. Ich bin gezwungen zu fliehen, damit meine Kinder etwas zu essen haben”, so das resignierte Fazit des Musikers.

Sonia Sarwari will derweil nicht aufgeben. “Ich bin eine Afghanin, ich stelle mich meinen Feinden”, sagt sie trotzig. “Die werden mich nicht vom Schauspielen und vom Kino abhalten. Ich werde weiter meinen Weg gehen.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Afghanistan: a cultural no man’s land?

Waslat Hasrat-Nazimi

The recent attack on an actress in Afghanistan raises the question: will the country once again become one in which music and film are taboo after international forces leave the country in 2014?

It is already dark as Sonia sets out for home. She thinks of the relaxing evening she had at Kabul’s art festival that took place mid October, as the young actress walks to her car. And then something horrible happens: a man throws powder in her face as he runs past her. Sonia is blinded; she screams in pain as she covers her eyes.

 

 The unknown culprit’s motive is obvious: to punish Sonia Sarwari for her so-called “un-Islamic” work as an actress on the big screen and in television. Women who manage to become public figures are villanized and condemned by many Mullahs; they are labeled as dishonorable. The 19-year-old Sonia goes to the doctor, who finds her eye is “luckily” only slightly injured. The doctor bandages up her eye; she wears dark glasses to hide it.Sonia Sarwari, Photo: Afghan Eyes

As bad as the attack was, Sonia told DW that it hadn’t really been that much of a surprise. “I receive threats over the telephone on a daily basis. The people who threaten me say they are going to shoot me or kill me some other way. But this attack here really got to me.”

Death threats

The attack on Sonia was not unprecedented. Not long ago, an 18-year-old actress was attacked. Benafsha died as a result of multiple stab wounds in a mosque in Kabul at the end of August. She had been out with colleagues when she was attacked by a group of men. Her colleagues continue to receive death threats. They have decided to keep a low profile.

One of Benafsha’s close friends and colleagues, Sahar Parniyan, told DW she had gone to the police chief of Kabul for help, and explained to him that she could not go home for fear of her life.

“But he didn’t do anything. He said he wasn’t responsible. If the police isn’t even willing to help protect us, then what am I still doing in this country?”

Sahar Parniyan Photo: Sahar Parniyan Photography Up to the 1990s, Afghanistan had quite a lively cultural cinema and music scene. Poetry and literature were part of every-day life – even for those who couldn’t read or write.

But today cinemas are seen as meeting points for drug addicts – they don’t attract crowds. Writers censor their own writing and there are no publishing houses. The poet Kawa Gibran was of the opinion that the decades-long war had led to the decay of the country’s cultural scene. He feared the withdrawal of international forces from Afghanistan in 2014 might mean the worst yet for artists.

“As of now, it seems it will be bad for us. The international community has lost the war. The Taliban are getting stronger. You can see that by the current distribution of power in government. People are interpreting the consitution however they please.”

Artists disappointed in government

The Taliban completely banned music and television. After they were driven out, Afghanistan experienced a cultural rebirth. Films were produced and new songs were played on the radio. But now that the extremists are slowly gaining power again, new restrictions have returned to the country.

Many artists and intellectuals have already left the country. Others, such as the well-known musician Ustad Gulzaman, will have to follow. Despite the billions of dollars that had been thrown at Afghanistan in the past few years, Gulzaman said, the intellectual and artistic elite had not received any support at all.

“I love my country and my art. But this government does not care about us. I will have no other choice than to leave so that I can feed my children.”

Sonia Sarwari, on the other hand, is not ready to give up just yet. “I am an Afghan woman and I will confront my enemies head-on … They will not keep me from acting. I will continue to do what I do.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Karsai bietet NATO schnelleren Übergang an

Waslat Hasrat-Nazimi

NATO-Generalsekretär Rasmussen hat in Kabul den Zeitplan für den Afghanistan-Abzug bekräftigt. Präsident Karsai bot hingegen an, den Übergabe-Prozess zu beschleunigen, Afghanistan sei dazu willens und bereit.

Die NATO halte an dem derzeitigen Abzugsplan der internationalen Truppen aus Afghanistan fest, sagte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen  am Donnerstag (18.10.2012) bei einem Besuch in Kabul. Damit widersprach er Spekulationen, es könne angesichts der in den vergangenen Monaten gehäuften “Insider-Angriffe” von afghanischen Sicherheitskräften auf verbündete ISAF-Soldaten zu einem beschleunigten Abzug kommen. Rasmussen sprach vor afghanischen und internationalen Journalisten von diesen Angriffen als Herausforderungen, die von internationaler und afghanischer Seite angenommen werden müssten:”Die Feinde Afghanistans mögen ihre Taktik ändern, aber sie werden keinen Erfolg haben, sie werden das Vertrauen nicht untergraben, dass wir im Laufe der Jahre im ganzen Land aufgebaut haben. Sie werden keinen Keil zwischen uns und unsere afghanischen Partner und Freunde treiben, sie werden uns weder von unserem Auftrag, von unserer Strategie noch von unserem Zeitplan abbringen”, unterstrich Rasmussen.

Lob für die afghanische Armee

Bis Ende 2014 sollen alle Truppen abgezogen sein. Eine neue NATO-Mission soll keine Kampftruppen mehr beinhalten, sondern die afghanische Armee lediglich unterstützen und beraten. Afghanistan werde langfristig unterstützt und nicht alleingelassen, so Rasmussen, der an die afghanische Seite gerichtet viel Lobendes zu sagen hatte: “Die afghanischen Sicherheitskräfte haben bereits viel erreicht. Sie sind verantwortlich für die Sicherheit von drei Vierteln der Bevölkerung; wo sie zuständig sind, ist die Gewalt gesunken. Ihre Armee hat bei 80 Prozent aller Operationen das Kommando, und sie führt 85 Prozent der Ausbildung durch. Das ist ein Fortschritt, auf den wir alle stolz sein können”, bilanzierte der NATO-Generalsekretär.

Rasmussen zeigte sich zuversichtlich, dass Afghanistan für die kommenden Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2014 vorbereitet sei. Präsident Karsai teilte diese Meinung und fügte hinzu, dass “ausländische Einmischung” im Wahlprozess unerwünscht sei. “Die Anwesenheit von Ausländern in der Wahlbeschwerdekommission steht im Gegensatz zur Souveränität Afghanistans”, so Karsai. Die fünfköpfige, zum Teil von den UN besetzte Kommission (ECC) hatte hunderttausende Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen von 2009 für ungültig erklärt. Wahlbeobachter aus dem Ausland seien zwar willkommen, führte Karsai weiter aus, aber sie dürften sich nicht “in den Wahlprozess einmischen.”

“Pakistan ist schuld”

Zum Zeitplan des NATO-Truppenabzugs sagte Karsai, das Land sei bereit für einen früheren Abzug als geplant: “Die Afghanen sind bereit und willens, den Übergangsprozess nötigenfalls zu beschleunigen.” Karsai bezeichnete das als “eine gute Nachricht für uns und für die NATO.” Er wolle im Namen des afghanischen Volkes “unsere Bereitschaft bekräftigen, den Übergang zu vollenden, und sollten wir das schneller als geplant schaffen, sind wir dafür bereit und glücklich darüber”, betonte der  afghanische Präsident, dessen reguläre Amtszeit im Mai 2014 endet.

Karsai betonte, dass es in den vergangenen elf Jahren in Afghanistan erhebliche Fortschritte gegeben habe, jedoch der andauernde Terrorismus für  Rückschläge verantwortlich sei. Als Schuldigen nannte er Pakistan, das als Rückzugsraum für die Taliban diene. Pakistan könne den Extremismus nicht für seine Zwecke nutzen. “Der Extremismus ist wie eine Schlange: Bevor man sich versieht, wendet sie sich gegen einen selbst und seine Nachbarn.” Karsai ging auch auf das Attentat gegen die junge pakistanische Aktivistin Malala Yousafzai ein. Es sollte Pakistan vor der Instrumentalisierung des Extremismus eine Warnung sein. Und: Der Terrorismus in beiden Ländern könne nur gemeinsam bekämpft werden.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de