Trading a childhood to support the family

More than half of Afghanistan’s population is under the age of 15. Many of the war-torn country’s children are forced to work to support their families. Without proper education, they are trapped in a vicious circle.

It’s scorching hot in the carpenter’s workshop. Dust and wood shavings fill the air whirled up by the powerful saw being used by 14-year-old Sattar. The young Afghan has covered his nose and mouth with a piece of cloth. Sweat runs down his forehead and his reddened eyes hint at the type of job he’s been carrying out. Sattar has been working four years in a carpentry located in the Afghan capital Kabul.

For some time, he struggled to work and to attend school at the same time, before finally dropping out after the sixth grade. “I must sustain my family,” he says. “The situation back home is very grim. If we weren’t so poor, I certainly wouldn’t have dropped out.” With a salary of about a 100 Afghani a day (1,81 US dollars) he has to support his family of ten. His father is old and no longer able to support the family.

Over a million child workers

Afghanistan’s Ministry of Labor and Social Affairs estimates that there are currently about 1.2 million children and adolescents under the age of 18 working in the country. However, the government has no precise statistical data, says ministry spokesman Mohammad Ali Eftekhari. According to the United Nations Children’s Fund (UNICEF), around 17 percent of the nation’s girls and 9 percent its boys between the ages of 5 and14 perform some sort of labor or service. Continue reading

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Arbeit statt Schule in Afghanistan

In Afghanistan ist fast die Hälfte der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Viele Kinder und Jugendliche müssen arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

Es ist heiß in der Schreinerei. In der Luft tanzen Sägespäne und Staub, aufgewirbelt von der Säge, mit der Sattar das Holz bearbeitet. Der 14-Jährige hat sich ein Tuch um Mund und Nase gebunden, auf seiner Stirn stehen Schweißperlen. Seine geröteten Augen verraten, dass er tagtäglich harte Arbeit unter schweren Bedingungen verrichtet. Seit vier Jahren arbeitet Sattar in der Schreinerei in Afghanistans Hauptstadt Kabul. Mit großer Mühe hat er neben der Arbeit die Schule bis zur sechsten Klasse besucht. Aber seit einigen Jahren geht das nicht mehr, berichtet er. “Ich muss meine Familie ernähren”, erzählt der Junge. “Zu Hause geht es uns sehr schlecht. Wären wir nicht so arm, hätte ich bestimmt nicht die Schule abgebrochen. Ich wäre lieber zur Schule gegangen, um etwas zu lernen.”

Sattar verdient etwa 100 Afghani (1,40 Euro) am Tag. Er ist gezwungen, damit zum Lebensunterhalt seiner zehnköpfigen Familie beizutragen. Sein Vater ist sehr alt und nicht mehr in der Lage, für die Familie zu sorgen.

Eine Million Kinderarbeiter

Rund 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren arbeiten in Afghanistan, schätzt der Sprecher des Ministeriums für Arbeit und Soziales, Mohammad Ali Eftekhari. Doch es gebe keine offizielle Statistik über die Anzahl der Kinderarbeiter in Afghanistan, fügt er hinzu. Die Kinderrechtsorganisation UNICEF schätzt, dass etwa 17 Prozent der Mädchen und neun Prozent der Jungen zwischen sieben und 14 Jahren in Afghanistan arbeiten. Continue reading

Hunderttausende Kinder hängen am Opium

Das afghanische Opium ist nicht nur Hauptexportartikel des Landes. Auch ein großer Teil der Bevölkerung ist drogenabhängig. Experten im In- und Ausland sind alarmiert über den steigenden Anteil von Kindern und Frauen.

Afghanistan ist Exportweltmeister von Opium, das als weiterverarbeitetes Heroin die Konsumenten in Europa und anderen Märkten erreicht. Aber auch im Inland wird Opium konsumiert, etwa 1,3 Millionen Drogenabhängige gibt nach einer Erhebung des US-Außenministeriums im Land, bei einer Bevölkerung von 30 Millionen. Auch 300.000 Kinder sollen süchtig sein. Wie die kleine Sohayla. Sie erzählt: “Meine Großmutter gab mir das Opium. Immer wenn ich krank war und Schmerzen hatte, hat sie mir es gegeben. Dann ging es mir besser.” Sohaylas Eltern sind tot und sie lebt bei ihrer Großmutter. Um sie ruhig zu halten, bekam Sohayla schon als Säugling von ihrer Oma Opium verabreicht. Die Neunjährige würde gerne zur Schule gehen, jedoch lässt ihre Großmutter das nicht zu. Ärzte brachten das Mädchen schließlich in eine Entziehungsklinik.

Unerträgliche Familienverhältnisse

In derselben Klinik in der Provinz Balkh im nördlichen Afghanistan ist auch Khorma Gul untergebracht. Sie schätzt, dass sie über 60 Jahre alt ist, so genau kennt sie ihr Alter nicht. Ihr Mann habe sie ermutigt, Drogen zu nehmen, sagt sie. Auch er ist drogenabhängig. “Mein Mann sagte mir, ich solle doch auch Opium nehmen, um meine Schmerzen zu lindern. Mein Mann ist alt und kann nicht mehr arbeiten, aber er hat fünf Söhne, die ihn unterstützen. Er streitet mit mir und ärgert mich jeden Tag. Ich leide sehr darunter.” Immer wenn sie traurig gewesen sei, habe sie Drogen genommen, berichtet Khorma Gul. Anders habe sie keine Erleichterung finden können. Continue reading

Child labor promotes abuse in Afghanistan

Waslat Hasrat-Nazimi

Experts say the increase in sexual abuse against children in Afghanistan is due to a lax judicial system that fails to prosecute pedophiles. They also attribute it to a system that allows child labor.

Right on time for International Children’s Day, the Afghan government has addressed the situation of six million Afghan children – around 15 million under the age of 15 – whose living conditions have been described as “critical.” The children are forced into child labor and often fall victim to sexual abuse.

There has been a lot of talk about the recent case of a three-year-old child in the northern province of Takhar being sexually abused or the 22-year-old man raping a five-year-old in the neighboring province Balkh around the same time. Continue reading

Steigender Kindesmissbrauch in Afghanistan

Waslat Hasrat-Nazimi

Kindesmissbrauch in Afghanistan wird durch Armut der Familien begünstigt. Experten und Aktivisten verlangen neben sozialpolitischen Maßnahmen vor allem hartes Durchgreifen gegen die Täter.

Anlässlich des Internationalen Kindertages hat die afghanische Regierung auf die Lage von sechs Millionen afghanischen Kindern aufmerksam gemacht, deren Lebensumstände als “kritisch” bezeichnet werden. Diese Kinder leisteten Kinderarbeit und seien häufig Opfer von sexuellem Missbrauch.

Erst vor einigen Tagen wurde bekannt, dass ein dreijähriges Kind in der nördlichen Provinz Takhar missbraucht wurde. In der Nachbarprovinz Balkh vergewaltigte ein 22jähriger Mann ein fünfjähriges Mädchen. In Afghanistan ist es nicht ungewöhnlich, dass sogar schon Dreijährige an die spätere Arbeit in Ziegeleien oder beim Straßenverkauf herangeführt werden. In der Provinz Herat im Westen des Landes wurden in diesem Jahr mehr als 70 Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger bekannt, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.

“Laxe Justiz begünstigt Taten”

Psychologie-Professor Ustad Sharafuddin Azimi von der Universität Kabul kritisiert die Regierung und verlangt konsequente Verfolgung der Täter,  auch Verhängung der in Afghanistan für solche Fälle vorgesehenen Todesstrafe. “Die Ursache für die steigende Zahl von Kindesmissbrauchsfällen ist, dass das Gesetz nicht konsequent verfolgt wird. Jeden Tag hören wir von neuen Fällen, aber niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Niemand wird zum Tod durch den Strang verurteilt oder überhaupt bestraft.”  Durch diese Laxheit der Justiz würden potentielle Täter ermutigt, da sie wissen, dass sie keine Strafe zu befürchten haben, so Azimi. Continue reading

Kinder als lebende Bomben

Waslat Hasrat-Nazimi

Manchmal werden sie von den Taliban entführt und manchmal rekrutiert – afghanische Minderjährige werden zunehmend als Selbstmordattentäter eingesetzt.

Nasibullah war erst neun Jahre alt. Trotzdem sollte er nach dem Willen der Taliban sein Leben schon beenden, bevor es richtig begonnen hatte. Er spielte an einem Bachufer in seiner Heimatstadt Kandahar, im Süden Afghanistans, als Nasibullah von einigen Männern entführt wurde. Sie nahmen ihn gefangen und unterzogen ihn ihrer Gehirnwäsche. Die sogenannten Gotteskrieger wollten aus ihm einen Selbstmordattentäter machen, der für ihren Krieg stirbt. “Sie haben mir eine Bombe umgeschnallt und mir versichert, dass es ein Spielzeug ist. ‘Sobald du Soldaten siehst, kannst du die Kabel verbinden’, haben sie zu mir gesagt.”

Nasibullah hatte Glück: Bevor er seinen Auftrag ausführen kann, wird er von der Polizei entdeckt und in einen anderen Bezirk gebracht. Dort muss er noch 20 Tage warten, bis es den Behörden gelingt, ihn mit seinem Vater zusammenzubringen.

Neue Chance

Nasibullah konnte wieder nach Hause zu seiner Familie. Andere afghanische Jungen, die ebenfalls dazu ausgewählt worden waren, ihr Leben zu opfern, landeten im Gefängnis. Meist wurden diese nicht entführt, sondern hatten sich  angeblich “freiwillig” dazu entschlossen, zu sterben. Im Sommer 2011 ließ Präsident Hamid Karsai mehrere Kinder und Jugendliche frei, die wegen versuchter Selbstmordattentate festgenommen worden waren. Sie sollten Schulbildung und eine neue Chance im Leben bekommen. “Ihre eigenen Söhne machen (die Taliban) zu Ärzten und Ingenieuren. Unsere Kinder wollen sie zu Attentätern und Kriminellen machen, damit unser Land keine Fortschritte erzielen kann”, sagt Karsai.

Kinder im Dschihad

Schon bevor die Taliban Kinder und Jugendliche als Selbstmordattentäter missbrauchten, wurden letztere in Afghanistan als Soldaten rekrutiert. General Atiqullah Amarkhel, ehemaliger Kommandeur in der afghanischen Armee: “Auch im Krieg gegen die Sowjetunion wurden Jugendliche aufgerufen, in den Krieg zu ziehen und am Dschihad teilzunehmen.” Auch heute habe diese Propaganda eine starke Wirkung auf Jugendliche. Sie würden mitunter eigenständig in den Krieg ziehen, ohne dass die Eltern davon wüssten.

Präsident Karsai und ein Junge, der zum Selbstmordattentäter bestimmt war (Foto: ddp/AP)

Die minderjährigen Attentäter sind in der Hand der Taliban nicht nur ein perfektes Kriegswerkzeug, sondern spielen auch für ihre psychologische Kriegsführung eine wichtige Rolle, wie der Ex-General erläutert. “Der Feind will seine Gegner mit Selbstmordattentaten moralisch schwächen. Man kennt die Auswirkungen auf die ausländischen Soldaten, die psychische Schäden davontragen. Dieser Krieg ist kein Frontenkrieg, sondern ein Guerillakrieg. Die Gegner der Taliban sollen mit allen Mitteln geschwächt und zur Aufgabe gezwungen werden.”

Armut hilft Taliban

Die Armut ist ein Faktor, der den Taliban die grausame Rekrutierung von Minderjährigen als Selbstmordattentäter erleichtert. Insbesondere Kinder würden von den versprochenen großen Geldbeträgen als Lohn für ihren Auftrag geblendet. Von den tödlichen Konsequenzen ihres Handelns für sich selbst und andere machten sie sich noch keinen Begriff, so Azizuddin Hemat, Chef der psychologischen Betreuung im Gesundheitsamt von Kabul. Er weist auf einen weiteren Faktor hin: “Die Kinder, die sich entschließen, als Selbstmordattentäter zu sterben, sind oft in streng religiösen Familien aufgewachsen. Seit frühester Kindheit wurden sie angehalten zu beten und religiöse Riten einzuhalten. Es ist leichter, diese Kinder zu rekrutieren.”

Der schüchterne Nasibullah aber wollte nicht sterben. Er wollte wieder nach Hause, zu seiner Familie. Sein Vater ist glücklich, dass er ihn wieder bei sich hat. “Ich bin überall mit dem Auto herumgefahren, um ihn zu finden, ich habe mir sogar ein Amulett anfertigen lassen und habe mein ganzes Geld ausgegeben. 72 Tage habe ich nach ihm gesucht.” Nasibullahs Vater hofft nun, dass sich die Sicherheit in Kandahar verbessert. Seine Kinder könne er schließlich nicht in einen Käfig sperren.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Taliban try to recruit children as suicide bombers

Waslat Hasrat-Nazimi

The recruitment of young suicide bombers is one of the Taliban’s most terrible tactics – yet it still remains a problem in Afghanistan. Some young children though are able to be rescued before they lose their lives.

Nasibullah was just nine years old when it happened. He was playing on the banks of a river in his home town of Kandahar, in southern Afghanistan, when he was approached by members of the Taliban, and kidnapped. They imprisoned him and started to brain wash him, all in the hope of turning him into a suicide bomber, to die in their war. “They tied a bomb around me and told me that it was a toy. They said: as soon as you see soldiers, you can connect the cable.”

The Taliban coax in the children with promises of toys or money. Nasibullah was one of the lucky ones. Before he could carry out his bombing, he was discovered by the police and brought to another part of Afghanistan. He had to wait 20 days before authorities could bring him back to his father.

A new chance

Nasibullah was allowed to return to his family. Other Afghan kids, that were also on the path to becoming suicide bombers, can land in jail after being found by the police. Often these youngsters weren’t kidnapped but instead supposedly “voluntarily” chose to die.

In the summer of 2011, Afghan President Mohammad Karzai approved the release of a number of youths who had been arrested for attempted suicide bombing.  They were given a school education and a new chance at life. “The Taliban make their own sons into doctors and engineers. They want to turn our kids in to criminals, so that our land can not move forward,” Karzai said.

Children of jihad

Even before the Taliban started using children and teenagers for suicide bomb attacks, youths were being used as soldiers in Afghanistan. “Even in the war against the Soviet Union, youths were being called into the army and forced to take part in the jihad,” General Atiqullah Amarkhel, former Commander in the Afghan Army told DW.

Even today this propaganda has a strong effect on the kids, says Amarkhel. He believes that some would go to war on their own volition, even if their parents didn’t know.

The young recruits are not just efficient fighters for the Taliban. They also play a role in the psychological warfare that is taking place, says the ex-General. “The enemy uses suicide attacks to play with the minds of their opponent. People know the effect these attacks have on foreign soldiers. This war is not fought on battle fronts, it is a guerilla conflict. The theory is: the opponents of the Taliban are weakened in every way until they capitulate.”

Poverty plays into Taliban’s hands

Poverty is one of the reasons why recruitment of young suicide bombers works. Many kids are flattered by the promises of money for their work. Azizuddin Hemat, head of psychological care at the Kabul public health department, says that the children involved are often not really aware of the potential deadly consequences of their actions.

Another factor is the children’s’ upbringing. “Kids that decide to die as suicide bombers, often grow up in strongly religious families. Since infancy they have been taught the value of praying and religious ceremony. It is easier to recruit these kids.”

These days, Nasibullah’s father is simply pleased to have his son back: “I drove around everywhere with my car to find him. I even had a lucky charm made, I spent all my money. I searched for him for 72 days.” He now hopes that the safety levels in Kandahar will improve, so that he doesn’t have to ever go through the same torment again.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Tödliche Kälte

Waslat Hasrat-Nazimi

Nicht nur in Europa setzt die anhaltende Kälte den Menschen zu. Auch in Afghanistan herrschen zur Zeit eisige Temperaturen. Am meisten leiden auch dort die Ärmsten der Armen. Viele Kinder sind bereits erfroren.

In Armut lebende Afghanen in Kabul müssen Winterkälte in notdürftigen Lehmhäusern verbringen.Copyright: DW/Hussein Sirat23.01.2012, Kabul

Eiskalt ist der Winter in Kabul. Abdul Bari trägt nur ein Hemd und eine Pluderhose, darüber einen langen Schal. Vor ein paar Monaten ist er aus der umkämpften Provinz Kandahar nach Kabul gekommen um der unsicheren Lage und der herrschenden Armut im Süden des Landes zu entfliehen. Er lebt mit seiner Familie im Flüchtlingslager Charahi Qambar. Es besteht aus Zelten und notdürftigen Lehmbehausungen, die von der Regierung gestellt wurden.

Doch bei Temperaturen von minus 20 Grad bieten diese Unterkünfte keinen Schutz. “Das kalte Wetter hat bereits zwanzig Kinder getötet”, berichtet Abdul Bari. “Wir haben die Leichen in der Nähe unserer Zelte gefunden und in der Umgebung beerdigt.” Er fürchtet  um die Gesundheit seiner Kinder. “Es wird immer kälter, das Wetter ist für sie eine lebensbedrohliche Gefahr.”

Barfuß im Schnee

Als vor ein paar Wochen der erste Schnee fiel, war er den Menschen eine willkommene Abwechslung zu den lehmfarbenen staubbedeckten Straßen. Dann ließ der Schneefall nach, die Kältewelle aber blieb. Die Migranten in den Kabuler Camps trifft die Kälte besonders hart. Es gibt kein Feuerholz, kaum Nahrung, Heizungen und Öfen sind nicht vorhanden. Erwachsene und Kinder müssen die Kälte ohne warme Bekleidung aushalten.

Kinder stehen vor einer Lehmhütte im Kabuler Winter (Foto: DW)
Kinder in afghanischen Flüchtlingscamps sind der Kälte schutzlos ausgesetzt

Fayaz ist elf Jahre alt. Sein Gesicht ist von der Kälte ausgetrocknet. Er hofft, dass der Staat zur Hilfe kommt: “Wir bitten den Präsidenten Hamid Karsai, uns Mehl, Öl, Brot, Schuhe, Kleidung und Brennholz zu geben”, sagt er. Einige seiner Freunde wühlen in den zugefrorenen Müllbergen, um etwas Essbares zu finden. Sie tragen Plastiklatschen ohne Socken. Die Füße spüren sie kaum noch, sagen sie.

Kein Geld für Hilfsangebote

Nach offiziellen Angaben sollen allein im letzten Monat fünfzehn Kinder in den Camps erfroren sein. Die Migranten selber vermuten jedoch, dass die Zahl doppelt so hoch ist. Das Migranten-Camp Charahi Qambar liegt in der Nähe des Kabuler Luxushotels Intercontinental und bleibt dennoch von der Regierung unbeachtet. Das Budget reiche nicht aus, um die Menschen in den Camps vor der Kälte zu schützen, so der Sprecher des afghanischen Flüchtlingsministerium,  Islamuddin Jurahat. Die schlechte Sicherheitslage erlaube es aber auch nicht, sie zurück in ihre Heimatregionen zu schicken.

Binnenflüchtlinge sind für die afghanischen Behörden ein großes Problem. Allein im vergangenen Jahr haben rund 185.000 Menschen ihre Dörfer verlassen, das ist ein Zuwachs von 45 Prozent gegenüber 2010. Etwa 18.000 von ihnen leben gegenwärtig in und um Kabul herum in Lagern ohne Strom und Wasser.

Kind in Pluderhosen, barfuß und in

“Die meisten Familien haben ihre Häuser aufgrund von Armut oder Arbeitslosigkeit verlassen”, erklärt Nadir Farhad vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR).”Etwa 10 Prozent sind vor Krieg und Kämpfen geflohen.” Der Winter verschlechtert ihre ohnehin schlechten Lebensbedingungen noch weiter. Doch die meisten wollen oder können nicht zurück.

Auch Abdul Bari will in Kabul bleiben. Er möchte lieber erfrieren, als zurück in seine vom Krieg gezeichnete Provinz, sagt er und fordert: “Die Regierung muss uns helfen, sie muss uns angemessene Behausungen zur Verfügung stellen.” Er kauert auf dem Boden. Vergeblich versucht er, seine Füße in der  Wintersonne aufzuwärmen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Zehn Jahre Kindheit in Afghanistan

Waslat Hasrat-Nazimi

Der britische Regisseur Phil Grabsky hat einen afghanischen Jungen zehn Jahre lang begleitet. Seine Film-Dokumentation “Das Leben des Jungen Mir” wird jetzt im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

Es ist das Jahr 2001, als der britische Regisseur Phil Grabsky in seinem Wohnzimmer sitzt und im Fernsehen die ersten US-Bomben in Afghanistan einschlagen sieht. Wird die westliche Intervention die Taliban-Herrschaft beenden und dem Land Frieden bringen können? Grabsky will sich persönlich davon überzeugen, welche Wandlungen vonstatten gehen und beschließt, eine Dokumentation darüber zu drehen. Kurzerhand packt er seine Kameraausrüstung ein und macht sich auf den Weg in die Hauptstadt Kabul.

Schicksalhafte Begegnung

Auf seinem Weg trifft er auf Zerstörung und Armut. Grabsky beeindruckt die Sehnsucht nach Veränderung in den Gesichtern der Menschen. Er reist in die zentralafghanische Provinz Bamiyan und filmt die von den Taliban zerstörten Buddhastatuen. Hier trifft er auf den kleinen Jungen Mir und damit auf den Protagonisten seiner Geschichte, erzählt er. “Eigentlich hat Mir mich in den ersten zwei, drei Tagen gefunden. Er war voller Energie. Ich habe plötzlich begriffen, dass ein Kind eine Tür öffnen kann. Wenn ich mich auf ein Kind konzentriere, dann konzentriere ich mich auf die Zukunft Afghanistans.”

Grabsky besucht Mir immer wieder. Zehn Jahre lang, von Mirs achten bis zum achtzehnten Lebensjahr, dokumentiert der Regisseur den Kampf der Familie ums Überleben. Sein Film “Der Junge Mir” lässt die Politik weitgehend außen vor – und ist trotzdem hochpolitisch.

Mit etwa 14 Jahren kann Mir kaum noch die Schule besuchen – er muss den Acker pflügen.

Nach dem Sturz der Taliban in 2001 herrscht Euphorie in Afghanistan. Mir hat sich vorgenommen, Präsident, oder zumindest Lehrer zu werden. Die Höhlen, in der er mit seiner Familie am Fuße der zerstörten Buddhastatuen lebt, sind für ihn abenteuerlich. Der Achtjährige empfindet sein Leben in dem konfliktgebeutelten Land als großes Spiel voller Möglichkeiten. Erst wünscht er sich ein Fahrrad, dann ein Motorrad. Darin unterscheidet er sich nicht von Heranwachsenden in anderen Ländern der Welt.

Aus Euphorie wird Resignation

Doch je älter Mir wird, desto stärker muss er sich mit den Problemen in dem vom Krieg zerstörten Land auseinandersetzen. Seine Familie ist arm. Bereits mit 11 Jahren muss er auf dem Feld und später auch im Kohlebergbau arbeiten. Er hat kaum Zeit für die Schule. “Was will man machen? Wenn man nicht arbeitet, gibt es kein Essen. Nur wenn du was zu essen hast, kannst du in die Schule gehen”, sagt Mir im Film. Seine kindlichen Träume hat er längst aufgeben.

Vom Leben geprägt: Mirs harte Lebensumstände in Afghanistan haben tiefe Spuren hinterlassen.

Seit 2005 hören die Menschen jeden Tag in den Nachrichten mehr Berichte über Anschläge der Taliban. Der inzwischen Jugendliche Mir weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen soll. Die harte Arbeit und die Armut machen ihm zu schaffen. Von den ausländischen Sicherheitskräften ist er enttäuscht. 700 Milliarden US-Dollar hat der Afghanistan-Einsatz bislang gekostet. Doch bei ihm und seiner Familie kommt davon kaum etwas an. Erst im Jahr 2010 sieht Mir in Bamiyan zum ersten Mal ausländische Soldaten. “Sie sagen, sie sind hier für unsere Sicherheit”, so Mir. “Aber wir haben nicht von ihnen profitiert. Sie kommen um ein paar Hefte und Stifte zu verteilen und gehen dann wieder.”

Freundschaft fürs Leben

Die Sicherheitslage hat sich in den letzten fünf Jahren durch ein Wiedererstarken der Taliban stark verschlechtert. Dies bekommt auch Phil Grabsky zu spüren, als er nach Afghanistan reisen möchte, um Mir und seiner Familie den fertigen Film zu zeigen. “Zum ersten Mal in zehn Jahren hat man mir gesagt, dass es zu unsicher ist”, sagt Grabsky traurig. “Die Situation ist so gefährlich, dass die Sicherheitsberater mir wärmstens empfohlen haben, nicht dorthin zu reisen.”

In den letzten zehn Jahren sind der Junge und der Filmemacher Freunde geworden. Grabsky hat für den jungen Afghanen ein Bankkonto angelegt, um ihm eine Ausbildung in Afghanistan zu ermöglichen. “Ich denke, für ihn ist die fruchtbarste Zukunft immer noch in seiner Heimat. Aber ich bin natürlich traurig, wenn ich ihn verlasse, und er empfindet ebenso. Unsere Bindung ist eine Langzeit-Verpflichtung.”

Wenn er heute den Fernseher einschaltet, sieht Grabsky wieder die Bomben der Taliban einschlagen. Eine friedliche Ära, wie sie sich die Menschen in Afghanistan bereits vor zehn Jahren ersehnt hatten, ist auch heute nicht in Sicht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Ursula Nölle – “Lehrerin der Nation”

Waslat Hasrat-Nazimi

Seit 28 Jahren ist Ursula Nölle im Wiederaufbau von Afghanistan tätig. Mit Hilfe ihres Vereins baut die 87-Jährige Schulen und setzt sich für die Bildung ein. Jetzt ist sie für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Ursula Nölle im Nähkurs mit afghanischen Mädchen (Foto: Ursula Nölle)Für Ursula Nölle sind ihre Engagements für afghanische Schulen das zweite Leben: “Ich habe selber eine große Familie. Ich habe fünf Kinder und dreizehn Enkelkinder und einige Urenkel. Ich bin also definitiv keine frustrierte Frau, die dringend eine Aufgabe braucht.” Aber ihre Aufgaben in Afghanistan hätten sie so erfüllt, dass Ursula Nölle das Gefühl hat, sie führt “zwei intensive Leben”.

Zweitmutter für ihre Mitarbeiter

Die afghanischen Kollegen schätzen Nölles Arbeit. Auch sie fühle sich stets als Teil von ihnen, so Nölle. “Ich werde von vielen Mitarbeitern ‘Mama’ genannt. Als ich mich im Frühjahr verabschiedete und sie mich fragten, ob ich im Oktober wieder komme, habe ich entgegnet, dass ich bereits 87 Jahre alt bin. Ich könne ja auch mal krank werden. Dann sagten sie zu mir: ‘Du kannst nicht krank werden. Denn in unserer Satdt Andkhoi beten jeden Abend 30.000 Menschen für dich'”.

Bildung, das sei für sie die wesentlichste aller Entwicklungsmaßnahmen. Einem orientalischen Land westliche Werte und Demokratie zu überstülpen, sei nicht richtig. “Stattdessen glaube ich, dass Mädchen und Jungen, die lesen, schreiben, rechnen und selbständig denken können, die Zukunft Afghanistans sind”. Auf diese Weise wachse eine Generation heran, die eine Veränderung bewirken könne.

Ursula Nölle ermutigt die Kinder in Afghanistan: Pauken für die Zukunft! (Foto: Ursula Nölle)
Ursula Nölle ermutigt die Kinder in Afghanistan: “Pauken für die Zukunft!”

Bildung als Lebensauftrag

Auf einer Reise nach Südasien 1983 beschloss Ursula Nölle zum ersten Mal, sich für die Bildung dort einzusetzen. Gemeinsam mit ihrer Tochter besuchte sie damals ein Flüchtlingslager in der pakistanischen Stadt Peschawar. In einer Mädchenschule für Flüchtlinge traf sie auf Schülerinnen und Lehrerinnen – und war sofort fasziniert: “Es hat mich derart bewegt, wie diese Kinder es als Privileg empfanden, Lesen und Schreiben zu lernen”. Weil der Schule die finanziellen Mittel auszugehen drohten, hatte Ursula Nölle versprochen, ihr Bestes zu geben, um sie zu unterstützen.

Gesagt, getan! Heute finanziert Ursula Nölle 45 Schulen in Afghanistan. Die Menschen verlassen sich auf Ursula Nölle. Seit 28 Jahren ist sie zweimal im Jahr nach Afghanistan gereist und hat Schulen gebaut. Selbst beim Abzug der Sowjetunion und unter dem Taliban-Regime hat sie nicht aufgehört. “Ich glaube einfach, dass die Schulen eine kontinuierliche Unterstützung brauchen. Man kann nicht zwei Jahre ein Projekt machen und das war es. Es ist ein Geben und Nehmen”.

Blühendes Leben dank Bildung

Im Norden Afghanistans hat Ursula Nölle bereits viele Orte wiederaufleben lassen. Die Menschen bekommen nicht nur Bildung, sondern auch eine Beschäftigung und vor allem eine Zukunftsperspektive. Neben dem Aufbau von Ganztagsschulen betreibt sie Berufsschulen für Handwerker, Nähschulen für Mädchen und bietet PC- und Englischkurse an. Außerdem bereitet der Verein afghanische Schulabgänger auf die Aufnahmeprüfung der Hochschulen vor. “Mazar-i-Scharif, Andkhoi, Khanshabar, Karamko, Qurghan”, zählt Nölle auf, “das sind Städte, die wirklich florieren. Wir haben die Infrastruktur mitgestaltet, indem wir diese Bildungsangebote eingerichtet haben”.

Für ihre Arbeit wurde Ursula Nölle nun für den Deutschen Engagementpreis 2011 nominiert. Sollte sie die Auszeichnung erhalten, will sie die Hälfte des mit 20.000 Euro dotierten Preises für einen guten Zweck spenden. Die andere Hälfte geht an die Familie ihres engsten Mitarbeiters Rahmanqul in Afghanistan. Dieser wurde vor einiger Zeit bei einem Anschlag erschossen. “Die Nominierung gilt nicht allein für mich. Ich denke, dass diese Art von Öffentlichkeitsarbeit auch unseren Projekten hilft”.

Die 87-Jährige kann jede Unterstützung gebrauchen. Zwar ist Nölle noch gesund, aber sie weiß auch, dass sie die Aufbauarbeit nicht ewig weiter führen kann. Ursula Nölle bleibt trotzdem kämpferisch: “Ich mache weiter, ich hab immer weiter gemacht”.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de