Regierungsmitarbeiter im Visier der Taliban

Im Krieg in Afghanistan ist nach UN-Angaben zum ersten Mal seit sechs Jahren die Zahl der getöteten Zivilisten gesunken. Die Anzahl der Anschläge auf Mitarbeiter der Regierung ist jedoch in die Höhe geschossen.

Sieben mal so viele Anschläge auf Regierungsmitarbeiter wie im Vorjahr meldet die Unterstützungsmission der UN in Afghanistan (UNAMA) in Kabul am Dienstag (19.02.2013). Laut dem Bericht der UN-Behörde haben es die Aufständischen gezielt auf Behördenmitarbeiterinnen abgesehen. Nur zwei Beispiele: In der Provinz Laghman wurde im vergangenen Dezember die Leiterin der Frauenbehörde getötet, wenige Monate nach dem Mord an ihrer Stellvertreterin im Juli. General Ayub Salangi, Polizeichef in der Hauptstadt Kabul, sieht das mit Sorge: “Es ist deutlich zu sehen, dass Frauen zunehmend als sogenannte ‘weiche Ziele’ ins Visier der Feinde Afghanistans geraten. Ich hoffe, dass verstärkt Maßnahmen ergriffen werden, um das in Zukunft zu verhindern.”

“Menschen lassen sich nicht einschüchtern”

Die Moral der zivilen Regierungsmitarbeiter sei jedoch sehr hoch, so Salangi, und sie würden sich auch durch die erschreckenden Zahlen des UN-Berichts nicht einschüchtern lassen. “Die Menschen in Afghanistan haben sich verpflichtet, ihrem Land zu dienen, und werden dies auch in Zukunft tun”, so der Polizeichef gegenüber der Deutschen Welle.

Laut dem UN-Bericht wurden 2012 255 Regierungsmitarbeiter bei Anschlägen getötet, im Jahr 2011 waren es 34. Faruq Bashar, Politikwissenschaftler an der Universität Kabul, glaubt, dass die Taliban den Druck im Land erhöhen wollen: “Sie wollen die Ängste der Menschen über den Truppenabzug 2014 verstärken. Sie wollen demonstrieren, dass die afghanische Regierung und ihre Sicherheitskräfte nach 2014 physisch und psychisch nicht mehr in der Lage sein werden, die Kontrolle zu behalten.” Continue reading

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First half of 2011 most dangerous for Afghan civilians

Waslat Hasrat-Nazimi

The first half of this year has been the bloodiest for the Afghan people since the start of fighting against the Taliban in 2001. And the series of attacks continues unrelentingly.

Afghans carry a victim of a suicide attack to a hospital in KunduzA study conducted by the UNAMA (the United Nations Assistance Mission in Afghanistan) has found that the number of civilians who have been killed in the first six months of the year 2011 is 15 percent higher than in the previous year. According to official figures, 1,500 men, women and children were killed within the first six months of the year, says UNAMA’s Director of Human Rights, Georgette Gagnon, adding that the number of unreported cases could be much higher. Furthermore, the study has found that the Taliban is to blame for over 80 percent of the deaths. “The drastic rise in casualties is due to the fact that Taliban fighters have started using more landmines and traps.” Nonetheless, support for the Taliban has grown in the past few months in Helmand, Kandahar and Khost Provinces.

More and more accidents and attacks

Last week reports of another tragic accident in Helmand made news after children there had stepped on a mine planted by the Taliban. Taj Mohammad was an eyewitness of the accident. He says it happened around 8:30 in the morning, when “the children had set off to get feed for the animals.” He says he ran over to help the children as soon as he heard the explosion. “I went over to them right away and saw three children lying on the ground. One had already died; the two others died on the way to the hospital.”

But people are not only dying in accidents caused by carelessness. Recently, more and more people close to the government have been targeted. Last Sunday, on July 17, suicide bombers assassinated a close advisor to Afghan President Hamid Karzai in Kabul as well as a member of parliament. The Taliban claimed responsibility for the attack. In the southern province of Kandahar, the situation is equally unstable, especially since the assassination of the Afghan president’s half-brother and influential tribal chief, Wali Ahmad Karzai in the beginning of July.

Many Afghans, including Abdul Satar from Kandahar, are skeptical that the situation will improve with the new tribal chief, Khan Wali Karzai. He says, “I don’t know him. I only know that he is the late Ahmad Wali Karzai’s brother, but I don’t think he will be able to bring peace and stability.”

Angry demonstrators

Afghan protestors throng the streets following the killing of four Afghani people in a NATO raid Afghans usually show their anger caused by civilian casualties in demonstrations. But for the most part, the protests are not aimed at the Taliban, but at government policies and foreign troops.

NATO troops are responsible for around 14 percent of civilian deaths, according to the UN study. Last week, a number of civilians, including a child, were killed in Khost in a suspected NATO operation. NATO forces have denied the accusations, saying there is no report on the death of civilians there. Nonetheless, the case is due to be examined.
A furious crowd carried the bodies through Khost in protest. “We are demonstrating against the government and against the international troops,” says Gulbat Ahmed, a tailor from Khost. The attack has greatly damaged his trust in the government. He says, “we demand the resignation of Karzai and his government if they are not capable of protecting us.”

Instability

International troops have started pulling out of Afghanistan in the beginning of July. By the year 2014, Afghanistan should be rid of all foreign troops. “The increasing number of attacks, especially since the withdrawal of the troops, just highlights how instable the situation is in Afghanistan,” says Staffan de Mistura, head of UNAMA. He says it is of vital importance that the UN study on civilian casualties is taken seriously and that investigations continue, especially now, “as we are in the most volatile stage of the year, the Taliban’s so-called ‘summer offensive’. And the summer still has a ways to go.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Höchste Zahl an Zivilopfern in Afghanistan

Waslat Hasrat-Nazimi

Die ersten sechs Monate dieses Jahres waren die blutigsten für die afghanische Bevölkerung seit Beginn des Kampfes gegen die Taliban im Jahr 2001. Und die Serie von Attentaten reißt nicht ab.

Ein Verwundeter wird auf einer Trage ins Krankenhaus gebracht.(Foto: dpad)

Die Zahl der getöteten Zivilisten in Afghanistan ist im ersten Halbjahr dieses Jahres um 15 Prozent höher als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Das ergab die jüngste Studie der UN- Menschenrechtskommission zu Afghanistan. Rund 1500 Männer, Frauen und Kinder kamen im ersten Halbjahr 2011 ums Leben, berichtet Georgette Gagnon, Leiterin der Menschenrechtsabteilung der “United Nations Assistance Mission for Afghanistan” (UNAMA).

Dies seien die offiziell gemeldeten Zahlen, die Dunkelziffer könnte noch weit höher liegen. Für 80 Prozent der zivilen Opfer seien die Taliban verantwortlich. “Der dramatische Anstieg liegt vor allem daran, dass die Taliban, die gegen die Regierung kämpfen, mehr Landminen und andere Sprengfallen gelegt haben.” Außerdem haben die Taliban in den vergangenen Monaten wieder erheblich an Einfluss gewonnen, vor allem in den Provinzen Helmand, Kandahar und Khost im Süden des Landes.

Immer mehr Unfälle und Attentate

Erst in der vergangenen Woche ereignete sich in Helmand ein tragischer Unfall: Kinder traten auf eine Mine, die von den Taliban gelegt worden war. Der Bauer Taj Mohammad war Zeuge: “Es war gegen halb neun morgens Ortszeit, als die Kinder losgegangen sind, um Futter für das Vieh zu sammeln. Dabei sind sie auf eine Mine getreten und es gab eine Explosion. Ich bin sofort hingelaufen und sah die drei Kinder am Boden liegen. Eins war sofort tot und die beiden anderen sind auf dem Weg zum Krankenhaus gestorben.”

In jüngster Zeit häufen sich zudem die Anschläge auf regierungsnahe Beamte: Am vergangenen Sonntag (17.07.) töteten Selbstmordattentäter einen engen Berater des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai sowie einen Parlamentsabgeordneten in der Hauptstadt Kabul. Die Taliban bekannten sich zu dem Attentat. Auch in der Süd-Provinz Kandahar ist die Situation weiterhin instabil, sagen Beobachter. Seit der Ermordung von Ahmed Wali Karsai, Halbbruder des Präsidenten und einflussreicher Stammesführer, ist die Verunsicherung in der Bevölkerung groß. Zwar wurde schnell ein Nachfolger bestimmt. Doch so wie Abdul Satar aus Kandahar, glauben viele nicht an einen Neuanfang mit dem neuen Stammesoberhaupt Shah Wali Karsai: “Ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur, dass er der Bruder des ermordeten Ahmed Wali Karsai ist, aber ich glaube nicht, dass er in der Lage ist, uns Frieden zu bringen.”

Wütende Demonstrationen

Eine Masse aufgebrachter Afghanen kommt dem Fotografen entgegen (Foto: AP)
Der Zorn der Bevölkerung richtet sich oftmals gegen die Regierung und die internationalen Truppen

Auf Anschläge, bei denen Zivilisten ihr Leben lassen müssen, reagieren die Afghanen meist mit wütenden Demonstrationen. Ihr Protest richtet sich jedoch weniger gegen die Taliban, als vor allem gegen die Politik der Regierung und die ausländischen Truppen im Land.

Tatsächlich gehen laut UN-Studie rund 14 Prozent aller zivilen Opfer in Afghanistan auf das Konto der NATO-Truppen. Erst in der vergangenen Woche starben in Khost, mutmaßlich bei einem NATO-Einsatz, mehrere Zivilisten, darunter ebenfalls ein Kind. Die NATO bestreitet die Vorwürfe, es lägen keine Berichte über den Tod von Zivilisten in Khost vor, heißt es. Immerhin soll der Fall untersucht werden. Eine aufgebrachte Menge trug die Leichen der Opfer durch die Stadt. “Wir protestieren gegen die Regierung und gegen die internationalen Truppen, weil unschuldige Menschen sterben mussten”, sagte Gulbat Ahmed. Der Schneider aus Khost ist zutiefst enttäuscht und hat das Vertrauen in seine Regierung verloren: “Wir fordern die Regierung Karsais auf zu gehen, wenn sie nicht fähig ist, für unsere Sicherheit zu sorgen.”

Instabile Sicherheitslage

Anfang Juli hat der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan begonnen. Er soll bis 2014 abgeschlossen sein. “Die Häufung der Anschläge in diesem Jahr und vor allem seit dem Beginn des Abzugs zeigt, dass die Sicherheitslage in Afghanistan sehr instabil ist”, sagt Staffan de Mistura, Vorsitzender der UN-Assistance Mission for Afghanistan (UNAMA). Es sei gerade jetzt wichtig, dass die bisherigen Ergebnisse der UN-Studie über zivile Opfer ernst genommen und die Untersuchungen fortgesetzt werden. “Denn wir befinden uns mitten in der brisantesten Zeitspanne des Jahres, der sogenannten Sommer-Offensive der Taliban. Und der Sommer ist noch nicht vorbei.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de