Interview: Vergessene Heldinnen

Das Attentat auf die Frauenbeauftragte der Provinz Laghman wirft ein Schlaglicht auf die Gefahr, in der Afghaninnen leben, die ihre Rechte wahrnehmen. Darüber sprach Waslat Hasrat-Nazimi mit der Menschenrechtlerin Orzala Ashraf Nemat.

Orzala Ashraf Nemat

Frau Nemat, Sie haben mit einem Kollegen das Buch “Vergessene Heldinnen” über zehn Frauenrechtlerinnen herausgebracht, die in den vergangenen Jahren ermordet wurden. Was war Ihr Hauptgrund dafür, die Biographien dieser ermordeten Frauen zu veröffentlichen?

Orzala Ashraf Nemat: Wir sind enttäuscht, weil die afghanische Regierung diese Morde wie alltägliche Verbrechen behandelt. Abgesehen davon, dass kein Mord wie etwas Alltägliches behandelt werden sollte, waren diese Opfer Frauen, die dem afghanischen Volk im Auftrag der afghanischen Regierung dienten. Deswegen war es uns wichtig, zu zeigen, wer diese tapferen Frauen waren, die ihr Leben für eine große Sache geopfert haben. Continue reading

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Der “König der Frauen”

Waslat Hasrat-Nazimi

Bibi Hakmeena ist eine Frau. Aber sie lebt in Afghanistan wie ein Mann. Die Provinzrat-Abgeordnete im ostafghanischen Khost, die sich als “König der Frauen” bezeichnet, wird von Männern respektiert.

Bibi Hakmeena sitzt auf einem Sofa. Auf den ersten Blick sieht sie wie ein Mann aus (Foto: DW)

Wenn man nach Khost, in den Osten Afghanistans fährt, kommt man nicht um sie herum: Bibi Hakmeena. Der Name der Provinzratsabgeordneten ist in aller Munde. Nicht nur aufgrund ihrer politischen Arbeit, sondern auch wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens. Sie trägt das traditionelle Gewand der Männer, eine weite lockere Stoffhose und ein langes Hemd, das bis zu den Knieen geht. Auf dem Kopf trägt sie einen Turban. “Ich fühle mich wie ein Mann, weil meine Gewohnheiten männlich sind. Ich habe mich nie wie eine Frau gefühlt”, erzählt Bibi Hakmeena.

Krieg und Waffen statt Puppen und Kochen

Seit ihrer Kindheit kleidet sich die inzwischen 40-Jährige wie ein Mann. Auf ihrer Schulter trägt sie ihr Gewehr, denn ohne die Kalaschnikow gehe sie nicht aus dem Haus: “Ich trage diese Waffe für mich, für meine Ehre und mein Ansehen. Paschtunen haben ein Sprichwort: Die Waffe ist eine Last, aber sie wird dir irgendwann zu Gute kommen. Die Waffe ist dafür da, dass man sein Leben beschützt”.

Schon als junges Mädchen musste Bibi Hakmeena lernen, sich selbst und ihre Familie zu beschützen. Weil ihr großer Bruder in der Hauptstadt studierte, musste sie als jüngere Tochter den Platz des Sohnes einnehmen. Es wurde zu ihrer Aufgabe, die Mutter und die Schwestern zu verteidigen. Und sie begleitete ihren Vater in die gesellschaftlichen Domänen der Männer: “Mein Vater war der Dorfälteste. Ich habe ihn auf “Dschirgas”, den Versammlungen, begleitet und dort viel gelernt. Der Stamm hat mich aufgrund meines Vaters immer schon respektiert”, erinnert sie sich.

Portrait Bibi Hakmeena mit schwarzem Turban und Gewehr (Foto: DW)

Die Kalashnikow ist Bibi Hakmeenas ständiger Begleiter

Bibi Hakmeena hat nie geheiratet. Statt Kinder zu gebären, hat sie mit den Mujahideen gegen die Sowjets gekämpft: Sie war Späherin und sorgte außerdem für den Nachschub von Nahrung, Medizin, aber auch von Waffen.

Politik für die Frauen

Vor kurzem wurde Bibi Hakmeena in den Provinzrat von Khost gewählt. Viele Menschen kommen zu ihr, um ihren Rat bei Konflikten einzuholen. Auch Männer respektieren sie und betrachten sie als eine von ihnen. “Bibi Hakmeena hat, obwohl sie eine Frau ist, viel für ihren Ort und ihre Heimat geleistet. Ihre größte Eigenschaft ist, dass sie mutig ist wie die Männer”, sagt Abdul Qadir aus Khost stolz. “Außerdem verteidigt sie die Rechte der Frauen. Damit leistet sie innovative Arbeit, denn in dieser Gegend hat man sich bisher nur wenig um Frauen gekümmert.”

Bibi Hakmeena möchte ihre Arbeit als Politikerin gut machen. Das Geschlecht interessiert sie dabei nicht. Sie möchte vor allem den Armen helfen. Das sind in Afghanistan zumeist Frauen, sagt sie: “Ich bemitleide die Frauen, weil sie in der paschtunischen Gesellschaft manchmal nicht richtig behandelt werden. Frauen müssen viel Leid ertragen. Mädchen werden zum Beispiel bei Konflikten für einen hohen Brautpreis verheiratet, um so den Konflikt zwischen zwei Clans zu lösen. Außerdem werden viele nicht in die Schule gelassen.”

Offener Dialog mit den Taliban

Bibi Hakmeena steht neben einem Mann in Khost, Ost-Afghanistan (Foto: DW)

Bibi Hakmeena selbst war nie in der Schule. Wie für Jungen auf dem Lande üblich hat sie gelernt, auf dem Acker zu arbeiten. So kann sie mit anpacken, anstatt zu Hause zu kochen. Sie bezeichnet sich selbst als “König der Frauen”. Den afghanischen Männern steht sie in nichts nach, sagen die Bewohner von Khost. Selbst von den Taliban lässt sich Bibi Hakmeena nicht beeindrucken, erzählt sie selbstbewusst: “Zweimal haben sie mich gewarnt und haben gesagt, ‘Du hast doch die Hadsch, die islamische Pilgerreise, gemacht. Wenn du wirklich gläubig bist, müsstest du auf unserer Seite sein.’ Es waren Taliban, wer auch immer sie sind, man nennt sie zumindest so. Ich habe dann zu ihnen gesagt, lasst uns zusammen sitzen und reden.”

Bibi Hakmeena ist zwar religiös, sie glaubt aber auch an das afghanische Gesetz und die demokratische Rechtssprechung. Der Dialog zwischen verfeindeten Parteien ist nach ihrer Überzeugung die beste Lösung. Die Hoffnung auf Frieden für ihre kriegsgeschundene Heimat hat sie noch nicht aufgegeben. Sie hofft darauf, dass sich Frauen stärker emanzipieren. Denn auch nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 erfahren Frauen und Männer keine Gleichstellung in Afghanistan. Um um die gleichen Rechte zu bekommen wie ein Mann, muss eine Frau erst zum Mann werden.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

“Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan”

Waslat Hasrat-Nazimi

Mit 19 Jahren kam Nadia Qani als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte sie jetzt ihre Autobiografie vor – die von ihrem Leben in zwei Welten handelt.

Nadia Qani (Ausschnitt Buchcover/Krüger-Verlag)Afghanistan im Jahr 1979. Es ist das Jahr, in dem die Russen das Land besetzten. Nadia Qani liegt auf dem Boden eines LKW unter einer Last von mehreren Kilo Zigarettenschachteln. Es ist dunkel. Die Zigaretten werden illegal ins Nachbarland Pakistan gebracht. Auch Nadia will über die Grenze. Weg aus Afghanistan, ihrer Heimat, ihrem Geburtsland, fort von ihrer Familie und ihren Freunden. Eine Schmugglerbande hat eingewilligt, sie und ihren Onkel nach Pakistan zu schleusen.

Nadia ist eine von drei Millionen afghanischen Flüchtlingen, die vor den Russen nach Pakistan fliehen. An die Torturen der Flucht erinnert Nadia Qani sich noch immer genau. “Als wir angekommen waren, habe ich meinen Onkel nicht wiedererkannt. Ich war hysterisch, habe geschrien, bis der Onkel mir einen richtigen Schlag ins Gesicht versetzt hat.” Noch heute ist dieses Erlebnis für Nadia ein Albtraum. Lange Zeit kann sie keine Aufzüge benutzen, und schlafen kann sie nur bei Licht.

Flucht als einzige Alternative

In den 1960er Jahren wird Nadia Qani in Afghanistan geboren, wächst zusammen mit vielen Geschwistern und Halbgeschwistern auf. Schon früh wird ihr beigebracht, hart zu arbeiten und sich zu bilden. Ihr Vater spornt sie immer wieder an. “Pass gut auf! Du musst, gerecht sein, du musst viel arbeiten, du musst dir selber helfen!” Nadia besucht das ‘Lycee Jamurjat’, ein Wirtschaftsgymnasium für Mädchen und macht ihren Abschluss mit Bravour. Danach arbeitet sie als Chefsekretärin im Wirtschaftsministerium. Doch nachdem die Russen das Land übernehmen, muss Nadia aufgrund der politischen Gesinnung ihres Mannes fliehen. Von Pakistan aus schlägt sie sich nach Deutschland durch. Dort muss sie komplett von vorn anfangen.Sowjetische Panzer beim Rückzug aus Kabul (Foto: AP)

Im April 1988 zogen sich die Sowjets aus Kabul zurück

Doch Nadia kämpft, sie fängt als Putzfrau und Verkäuferin an und arbeitet sich hoch. Sieben Tage die Woche schuftet sie in mehreren Jobs. Heute hat sie ihren eigenen Pflegedienst mit über 40 Angestellten. Daneben engagiert sie sich ehrenamtlich für ZAN e.V., einer Frauenhilfsorganisation. 1999 wird sie deutsche Staatsbürgerin. Genau zehn Jahre später erhält sie das Bundesverdienstkreuz.

Vorbild für andere?

Geduld und Disziplin haben ihr geholfen, sich in Deutschland zurechtzufinden und ihre Ziele zu verwirklichen. Heute sieht sie sich als Deutsche mit afghanischen Wurzeln. Und ist froh darüber. “Ich fühle mich doppelt reich, denn ich bin von zwei wunderbaren Kulturen geprägt.”

Nadia Qani ist für viele ein gelungenes Beispiel für Integration. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte sie jetzt ihre Autobiographie “Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan” vor. Sie selbst sieht sich mehr als Botschafterin, nicht nur für die Migranten, sondern auch für die Deutschen. Mit ihrem Buch möchte sie vielen Menschen Mut machen, es ihr gleichzutun.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de