Gemischte Bilanz der Ära Karsai

Der weltläufige Hoffnungsträger Karsai wandelte sich zum erratisch agierenden Präsidenten, der seine Verbündeten verprellte. Dennoch hat er auch Positives für sein Land geleistet.

Karsai vor Loja Dschirga 21.11.2013 (Foto: Reuters)

Nach dem gewaltsamen Ende der sechsjährigen Taliban-Herrschaft war Hamid Karsai der große Hoffnungsträger für den Wiederaufbau Afghanistans. Der Spross einer prominenten paschtunischen Familie wurde im Dezember 2001 auf der internationalen Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn zum Präsidenten der Übergangsregierung ernannt. Er war einer der wenigen einflussreichen Afghanen, die kein Blut an ihren Händen hatten und gute Beziehungen zu den USA pflegten.

Die Erwartungen waren hoch und der stets charmante, groß gewachsene Paschtune mit seinem typischen Mix aus westlichem Anzug, Fellmütze und bodenlangem Mantel befeuerte die Phantasien von einem exotischen, aber dem Westen zugewandten Regierungschef. Gut zwölf Jahre später wird im In- und Ausland eine weitgehend desillusionierte Bilanz der Ära Karsai gezogen. Weder bei der Korruptionsbekämpfung noch außenpolitisch bei den Beziehungen zu Pakistan, um nur zwei der heikelsten Problemfelder zu nennen, habe Karsai Fortschritte erzielt. Continue reading

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Hamid Karzai’s mixed legacy

Some 12 years ago, Hamid Karzai was seen as a bearer of hope for Afghanistan. But the politician is now seen as an erratic president who alienated his allies. He is leaving office, however, with a set of achievements.

Afghan President Hamid Karzai speaks during the opening of the Loya Jirga, in Kabul November 21, 2013.

When the Taliban rule of Afghanistan came to an end in 2001, Hamid Karzai stood as a symbol of hope. The scion of a prominent Pashtun family was appointed president of the transitional government in December 2001. He was one of the few influential Afghans who did not have blood on his hands and had good relations with the United States.

Expectations were high. But twelve years on, Karzai’s era is marked by disillusionment both inside and outside of the conflict-ridden country. Little progress has been made in crucial areas such as fighting corruption and improving relations with neighboring Pakistan.

Karzai, the tactician

However, Adrienne Woltersdorf, head of the Friedrich Ebert Stiftung’s Kabul office, believes Karzai deserves some credit. “He has managed to keep his position as Afghanistan’s president which is probably one of the toughest political jobs on the planet, for more than ten years.”

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Wieder ein Karsai als “König” von Kandahar

Waslat Hasrat-Nazimi

Die Beerdigung des Halbbruders von Präsident Hamid Karsai hat nach islamischer Sitte einen Tag nach seiner Ermordung stattgefunden. Noch am gleichen Tag wurde ein neues Stammesoberhaupt bestimmt: sein Bruder.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai betet bei der Beerdigung seines Bruders (Foto: AP)Bereits zwei Stunden nach der Beerdigung des toten Halbbruders von Hamid Karsai wurde der neue “König” von Kandahar gekrönt: es ist ein weiterer Karsai-Bruder, Shah Wali Karsai.

Der ermordete Ahmad Wali Karsai hat als Oberhaupt des mächtigen und geachteten paschtunischen Popalzai-Stammes seine Macht im Süden etabliert und die Interessen von Präsident Karsai sowie der Amerikaner vertreten. Doch seit seinem Tod herrscht in Kandahar der Ausnahmezustand. Telefonleitungen sind lahmgelegt, Geschäfte bleiben geschlossen, die Menschen plagt die Unsicherheit. Umso wichtiger war es deshalb, dass schnell ein Nachfolger für Ahmad Wali Karsai ausgerufen werden sollte.

Krönung auf afghanisch
Eine Versammlung der Stammesältesten wurde einberufen. “Die Stammesältesten haben Präsident Karsai aufgefordert, seinen Bruder als Nachfolger einzusetzen”, berichtet Abdul Kahaliq Bala-Karsai, einer der Teilnehmer der Versammlung. Daraufhin habe Karsai erklärt, dass Ahmad Wali gut regiert hat und entschieden: “Sein Nachfolger Shah Wali soll seinen Platz einnehmen und damit das Stammesbündnis festigen. So kann er in Zukunft dem Land dienen.”

Um die Macht symbolisch zu übergeben, überreichten einige Stammesälteste Shah Wali Karsai den Turban des toten Bruders: Eine Krönung auf afghanisch. Viele hoffen nun, dass Shah Wali Karsai das neu entstandene Machtvakuum innerhalb des Stammes füllen kann.

Ahmad Wali Karzai im Kreise der Stammesältesten (Foto:AP)
Ahmad Wali Karzai im Kreise der Stammesältesten

Hohe Erwartungen

Der verstorbene Bruder war jedoch nicht nur Stammesoberhaupt, sondern auch Vorsitzender des Provinzialrats. Dieses Amt kann Shah Wali allerdings nicht einfach übernehmen, erklärt der politische Analyst Mohammad Akbar Wardak: “Es gehört nicht zu den Machtbefugnissen des Präsidenten, den Vorsitzenden des Provinzialrats zu ernennen. Die Mitglieder des Rates haben das Recht, einen ihrer Mitglieder als Kandidaten zu benennen und durch freie Wahl zu bestimmen. Wenn der Präsident das tut, ist das gegen das Gesetz.”

Die Tötung Ahmad Wali Karsais ist ein herber Rückschlag für Hamid Karsai. Ahmad Wali sah sich als “Brücke zwischen Volk und Regierung”. “Ob der andere Bruder ähnlich agieren und die auf ihn gesetzten Erwartungen erfüllen kann, ist die große Frage”, so Akbar Wardak. Sollte jedoch jemand anderes zum Vorsitzenden des Provinzialrates gewählt werden, droht eine Interessen-Kollision, befürchten viele Bewohner Kandahars.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Rückschlag für den Friedensprozess

Waslat Hasrat-Nazimi

Der Halbbruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai ist in seinem Haus ermordet worden. Ein brisanter Mord, der Auswirkungen auf die Sicherheit des Landes haben könnte.

Präsident Karsai als Redner auf einer Versammlung (Foto: ap)

Der König ist tot. Ahmad Wali Karsai wurde von vielen der König von Kandahar genannt. In den letzten Jahren hat er sich zum mächtigsten Mann der südlichen Provinz Kandahar etabliert. Kein politisches Amt wurde ohne seinen Segen besetzt und kein größeres Geschäft ohne seine Zustimmung abgeschlossen. Seine guten Beziehungen zu den USA und der Beistand des Präsidenten gaben ihm genug Rückendeckung, um auch im restlichen Süden des Landes seinen Einfluss auszuüben.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai reagierte bedrückt auf den Tod seines Bruders: “Dass man in seinem eigenen Haus nicht sicher ist, ist für uns alle ein großes Leid. Wir hoffen, dass – so Gott will – die Sorgen der Menschen vergehen und dass in unserer Heimat Sicherheit herrscht und der Frieden und Wiederaufbau des Landes voran kommt. Und dass der Schmerz, den wir alle gleichermaßen tragen, uns nicht lange leiden lässt.”

Vertrauter Attentäter

Ein verhüllter Talib neben einem Tisch voller Waffen (Foto:picture alliance) Zwei weitere Anschläge hatte Ahmad Wali Karsai zuvor überlebt. Ein langjähriger Freund der Familie und gleichzeitig Angehöriger der Sicherheitskräfte tötete Karsai nun mit einem Kopfschuss. Während eines privaten Gesprächs waren beide ungestört. Sicherheitsleute von Ahmad Wali Karsai stürmten nach dem ersten Schuss ins Zimmer und erschossen den Attentäter daraufhin. Die Taliban haben die Verantwortung für die Ermordung Karsais übernommen. Wer tatsächlich hinter dem Tod Ahmad Wali Karsais steckt, ist weiterhin unklar.

Die Motive und Interessen für den Anschlag sieht Wahidullah Ghazykhyl vom politischen Forschungsinstitut in Kabul jedoch in der Zerschlagung des Friedensprozesses. Dies sei ein herber Rückschlag für die Bemühungen Karsais für den Frieden im Land. “Die Feinde Afghanistans wollen zeigen, dass sie in der Lage sind, den inneren Zirkel des Präsidenten zu zerschlagen. Das ist ein Zeichen, dass sie den Friedensprozess in Afghanistan schwächen und damit das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung mindern können.”

Schwächung der Sicherheitslage

Afghanische Polizisten haben in manchen Regionen die Kontrolle übernommen (Foto: DW)

Der Tod des einflussreichsten Mannes im Süden Afghanistans kommt zu einer Zeit, in der die Sicherheitslage des Landes schwierig ist. Die Amerikaner haben bereits mit dem Abzug ihrer Truppen begonnen. Die Verantwortung ist bereits teilweise an die Afghanen übergeben worden. Die Bevölkerung erwartet eine ungewisse Zukunft.

Die Ermordung Ahmad Wali Karsais wird Auswirkungen auf die Sicherheit in Afghanistan haben. “Die Sicherheit wird wahrscheinlich noch mehr angegriffen sein, vor allem in Kandahar”, sagt Puya, ein Student in Masar-i-Sharif. “Es ist eine unmoralische Tat, aber es wird die Position Hamid Karsais erschüttern. Der Präsident hat die Taliban aufgefordert als Brüder an dem Friedensprozess teilzunehmen. Jetzt haben sie seinen wahren Bruder umgebracht. Das wird ihm eine Lehre sein, die Taliban weiterhin an dem Wiederaufbau des Landes einzubinden.”

Der Tod des Bruders von Hamid Karsai ist für Puya eine Warnung: Afghanistan sei noch nicht am Ziel angekommen. Frieden und Sicherheit stehen noch in weiter Ferne. Für viele ein weiteres Indiz dafür, wie verwundbar der Staat noch ist.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de