Zurück nach Kundus – trotz Gefahr

Nach der vorrübergehenden Einnahme von Kundus durch die Taliban wollten viele Menschen nur eins: raus aus der Stadt. Oder sogar aus dem Land. Es gibt aber auch Menschen, die jetzt statt nach Europa lieber zurück gehen.

Afghanische Binnenflüchtlinge, die nach der Einnahme von Kundus nach Kabul geflohen sind (Foto: Hussain Sirat / DW)

“Ich will auf keinen Fall nach Europa”, sagt Haji Jamaluddin. Der 62-jährige ist aus Kundus geflohen, wo er Lehrer an einer Oberschule ist. Zusammen mit seiner Familie ist er in die afghanische Hauptstadt Kabul gekommen, um der Unsicherheit in seiner Provinz zu entfliehen. Er ist nicht der einzige. In einem Kabuler Stadtteil steht ein Großteil von ihnen nun in einer langen Schlange an der Haltestelle Baraki. Sie warten darauf, dass sie zurück nach Kundus gehen können.

Nach der mehrere Tage andauernden Besetzung durch die Taliban ist die Stadt zwar wieder in der Hand der Regierung, aber das bedeutet nicht, dass die Sicherheit wieder vollkommen hergestellt ist. Die Kämpfe in den Vororten von Kundus gehen weiter. Continue reading

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“Taliban haben ihr Ziel in Kundus erreicht”

Regierungstruppen versuchen, die Stadt Kundus von den Taliban zurückzuerobern. Ein afghanischer Einwohner, der nach dem Einmarsch der Taliban nach Kabul fliehen konnte, hat mit der DW über seine Eindrücke gesprochen.

Sicherheitskräfte und Einwohner an einer Einfallstraße nach Kundus (Foto: Getty Images/AFP)

DW: Sie waren in der Stadt, als die Taliban Kundus einnahmen. Wie haben Sie die Geschehnisse erlebt?

Gegen drei Uhr morgens begann der Angriff der Taliban, überall konnte man Schüsse hören. Die Kämpfer lieferten sich mit afghanischen Sicherheitskräften Schusswechsel von Haus zu Haus. Zwischen acht und neun Uhr morgens haben die Angreifer dann wichtige Regierungsposten und öffentliche Gebäude eingenommen. Wir saßen zu Hause und hörten davon, wie schnell die Taliban einen Ort nach dem anderen einnahmen. Gegen drei Uhr nachmittags hörten wir dann, dass sie seelenruhig in die Stadt marschierten und dann ihre Flagge im Zentrum der Stadt hissten. Continue reading

Kundus weiter unter Druck der Taliban

Seit Wochen wird die afghanische Provinzhauptstadt Kundus von Taliban und anderen Extremisten, darunter angeblich auch “IS”, belagert. Die Regierungsseite ist auf Unterstützung von Milizen angewiesen.

Afghanische Soldaten feuern im Zuge der andauernden Kämpfe mit den Taliban eine Rakete in Kundus ab(Foto: picture-alliance/epa/J. Karger)

Es herrscht wieder ein wenig Hoffnung in Kundus. Die Region um die Provinzhauptstadt ist seit April Schauplatz von Kämpfen zwischen Extremisten und Regierungskräften. Tatsächlich sind auch jetzt noch Schüsse zu hören, doch sie wirken nicht mehr so bedrohlich wie vor einigen Tagen. Laut dem Polizeichef von Kundus machen die afghanischen Sicherheitskräfte Fortschritte beim Zurückdrängen der Aufständischen. “In den Bezirken Imam Saheb, Archi, Chardarra, Aliabad und im Zentrum Kundus sind unsere Truppen einsatzbereit”, sagt Kommandeur Abdul Sabur Nasrati gegenüber der DW. “Wir haben unseren Feinden schwere Verluste zugefügt.” Continue reading

Bürokratischer Umgang mit afghanischen Ortskräften

Übersetzer, Köche, Wachleute: Rund 1200 Afghanen arbeiten für die Bundeswehr. Nach dem Abzug der Truppen befürchten sie Racheakte der Taliban. Deutschland bietet ihnen die Aufnahme an, doch es gibt hohe Hürden.

Safiullah Sahel lebte im nordafghanischen Kundus in ständiger Angst. “Hätten sie mich gefunden, hätten sie mich wahrscheinlich vor meiner Tür ermordet”, sagt Sahel. Mit “sie” meint er lokale Aufständische und Taliban, deren Racheakte er nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus fürchtete.

Wer wie Sahel für die Deutschen in Afghanistan arbeitet, ist aus ihrer Sicht ein Verräter. “In Kundus haben sie den Ortskräften hinterher spioniert und ihnen aufgelauert”, erzählt Sahel, der seit 2006 auf der Gehaltsliste deutscher Behörden steht. “Aber ich habe immer aufgepasst und nie jemandem gesagt, wo ich hingehe, nicht mal meiner Familie.”

Zu Spitzenzeiten arbeiteten rund 1500 afghanische Ortskräfte für deutsche Institutionen. Die Einheimischen sind vor allem für die Bundeswehr, zum Beispiel als Übersetzer, Fahrer, Köche oder Wachmänner tätig. Viele von ihnen werden für die Zusammenarbeit von Aufständischen und Taliban bedroht und fürchten daher den endgültigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan Ende 2014. Continue reading

Alone among enemies in Afghanistan

The Bundeswehr is packing up and withdrawing from Afghanistan. Threatened by Taliban and unemployment, local Afghan employees feel abandoned and fear for their safety.

“What is going to happen to us once the Bundeswehr withdraws?” This is the question that looms uneasily in the minds of most Afghan translators engaged by the Bundeswehr in Kunduz. Around 30-40 men recently gathered in front of the German Armed Forces camp to draw attention to their plight. This is their second protest in the last two weeks. They fear for their future, even their lives, due to unemployment, on the one hand, and the wrath of Taliban insurgents on the other. The translators are considered traitors and infidels by the Taliban because they have been working for years with German troops.

Assadullah Rezwan, one of the Afghan translators, has been working for the Provincial Reconstruction Team (PRT) in Kunduz for the last 4 years. At the protest he told DW “I have been receiving threatening phone calls. A group of insurgents wanted to abduct me because of my work with the company.”

Rezwan’s contract renewal has been pending for three months. The Bundeswehr has not yet extended it. His German colleagues have been withdrawing one by one over the last year, while Rezwan is left behind. He now spends a lot of time at the gym, but even there he does not feel safe. His family must also live with the constant fear that something bad might happen to them at any time. Continue reading

Afghanische Ortskräfte protestieren in Kundus

Am Bundeswehrstandort Kundus haben afghanische Ortskräfte für besseren Schutz von der deutschen Seite demonstriert, etwa durch Asylgewährung. Sie sehen sich von der Bundeswehr im Stich gelassen.

“Was soll aus uns werden, wenn die Bundeswehr abzieht?” Diese Frage stellen sich die meisten der afghanischen Dolmetscher der Bundeswehr in Kundus. Etwa 30-40 junge Männer haben sich am Dienstag (14.05.2013) zum zweiten Mal binnen zwei Wochen vor dem Bundeswehrlager im Norden Afghanistan versammelt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und zu protestieren. Alle haben Angst um ihre Zukunft; auf der einen Seite droht ihnen Arbeitslosigkeit, anderseits werden sie von den aufständischen Taliban bedroht. Sie gelten als Verräter und Ungläubige, weil sie schon seit vielen Jahren mit den deutschen Soldaten zusammen gearbeitet haben.

Der afghanische Dolmetscher Assadullah Rezwan ist einer von ihnen. “Seit mehr als vier Jahren arbeite ich beim Wiederaufbau-Team Kundus im Bereich des Militärs”, erzählt Rezwan der Deutschen Welle. “Wegen dieser Zusammenarbeit wollte mich eine Gruppe von Aufständischen entführen. Sie riefen mich an und bedrohten mich.”

Rezwans Vertrag mit der Bundeswehr ist jetzt seit drei Monaten nicht verlängert worden. Seine deutschen Kollegen ziehen im Laufe des Jahres ab und er bleibt zurück. Rezwan sagt, er vertreibt sich seine Zeit im Fitnessstudio, aber auch dort sei er nicht sicher. Auch seine Familie lebe in Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Continue reading