Medien in Afghanistan unter Druck

Bei einem Anschlag auf den größten afghanischen TV-Sender kamen sieben Mitarbeiter ums Leben. Viele wurden verletzt. Afghanische Journalisten fordern jetzt ein Umdenken in der Berichterstattung.

Polizist in Kabul vor dem abgesperrten Anschlagsort (Reuters/A. Masood)

“Wir stehen an der Seite der Afghanen und der Medien, um die Opfer zu ehren, die alles dafür getan haben, damit wir frei sprechen können”, twitterte Saad Mohseni. Mohseni ist Direktor der der größten afghanischen Mediengruppe MOBY zu der auch der Fernsehsender ToloTV gehört, dem der Anschlag galt. ToloTV ist ein Partnersender der Deutschen Welle. Continue reading

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Frame by Frame Screening

„Frame by Frame“ – Afghanische Medien unter Druck

Die Deutsche Welle präsentiert Film und Diskussion

Terror, Gewalt, Repressionen: Wer als Fotojournalist in Afghanistan arbeitet, riskiert täglich sein Leben. Was bewegt Afghanen diesen Beruf zu ergreifen? Mit welchen Gefahren werden sie täglich konfrontiert? Das beleuchtet eindrucksvoll der preisgekrönte Dokumentarfilm „Frame by Frame“, heißer Anwärter für einen Oscar. Die Regisseurinnen Alexandria Bombach und Mo Scarpelli begleiten vier Fotojournalisten, unter anderem den Pulitzerpreisträger Massoud Hossaini.

Die Deutsche Welle lädt Sie herzlich ein zu Filmvorführung und Gespräch.

Gespräch:
Reza Shirmohammadi, Afghanischer Fotojournalist
Forough Hosseinpour, Medientrainerin DW Akademie

Moderation:
Waslat Hasrat-Nazimi, Deutsche Welle, Dari-/Paschtu-Redaktion

5. Dezember 2015   17 Uhr
hackesche höfe kino
Rosenthaler Straße 40-41
10178 Berlin

TICKETS HIER

Afghanistan: Journalisten im Kreuzfeuer

Der Mord an einem Journalisten in Helmand zeigt, wie sehr sich die Situation für die Medien im Land in den vergangenen Monaten verschlechtert hat. Die Regierung verfolgt Übergriffe auf Journalisten nur halbherzig.

Als Noor Ahmad Noori morgens aus dem Haus ging, ahnte wohl niemand aus seiner Familie, dass er nicht mehr wiederkehren würde. Am Donnerstagabend (23.1.2014) fand man seine verbrannte und verstümmelte Leiche in einem Plastiksack. Der afghanische Journalist, der für die New York Times als Korrespondent tätig war, war sich der Gefahr, der er sich aussetzte, immer bewusst gewesen. Dennoch hatte sich der 28-Jährige in der Hauptstadt Lashkar Gah in der südafghanischen Provinz Helmand sicher gefühlt. “Besonders schockierend ist, dass der Mord mitten in der Stadt geschah und nicht außerhalb”, erklärt der Gouverneur Mohammad Naeem im Interview mit dem DW-Korrespondenten Mohammad Mojtaba. Die Provinz Helmand gilt als die am meisten umkämpfte Provinz des Landes. Hier ist der Machteinfluss der aufständischen Taliban besonders groß. “Es ist eine Katastrophe für unsere Provinz und speziell für die Journalisten, die hier arbeiten. Ich bin sehr betroffen und habe bereits den Geheimdienst beauftragt, die Mörder ausfindig zu machen“, so der Gouverneur. Continue reading

Afghanistans Journalisten unter Druck

Seit dem Sturz der Taliban 2001 erlebt Afghanistan einen Boom im Mediensektor. Doch Gewalt gegen Journalisten und der bevorstehende Abzug der internationalen Truppen bedrohen die neue Freiheit.

Die heutige Medienlandschaft Afghanistans ist in der Geschichte des Landes ohne Beispiel: Die Menschen erhalten Informationen von 200 Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen, 44 Fernsehsendern, 140 Radiosendern und acht Nachrichtenagenturen. Während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 hatte es neben “Radio Scharia” keine weiteren Medien im Land gegeben. Seit dem Sturz der Gotteskrieger ist die Medienlandschaft aufgeblüht – nicht zuletzt durch die schützende Präsenz und die finanzielle Unterstützung westlicher Staaten. Doch nun ist sie wieder in Gefahr.

Taliban-Angriffe nehmen zu

Erst kürzlich schossen Unbekannte in der westlichen Stadt Herat auf einen Journalisten. Ali Asghar Yacubi war gerade in seinem Auto unterwegs, als zwei vermummte Männer ihn auf einem Motorrad verfolgten und das Feuer eröffneten. Yacubi, der für ein lokales Radio in Herat arbeitet, wurde ins Krankenhaus gebracht. Er überlebte den Schuss in die Brust.

Die Gewalt gegen afghanische Journalisten habe extrem zugenommen, beklagen Medienmacher. Urheber seien hauptsächlich die Taliban, die immer  wieder afghanische Journalisten, vor allem Frauen, angreifen. Die Aufständischen kritisieren “unislamische” Inhalte, also eine Berichterstattung, die ihrer islamistischen Ideologie zuwider läuft. Journalisten werfen der Regierung und den Behörden vor, solchen Verletzungen der Pressefreiheit in Afghanistan tatenlos zuzuschauen. Auch im Fall Yacubi habe sich die Polizei nicht um eine Verfolgung der Täter gekümmert. Continue reading

Journalisten in Afghanistan leben gefährlich

Waslat Hasrat-Nazimi

Der BBC-Reporter Ahmad Omid Khpolwak wurde vor einigen Tagen bei einem Taliban Angriff in Afghanistan erschossen. Journalisten in Afghanistan sind noch einer ganz anderen Gefahr ausgesetzt – einer nicht sichtbaren.

Ein afghanischer Journalist filmt nach einem Anschlag ein zerstörtes Auto (Foto: epa)“Afghanische Journalisten erhalten Drohungen meist telefonisch. Die Gesichter der Erpresser bekommen wir nie zu sehen”, erzählt Elias Daghi. Daghi ist ein Kollege des erst kürzlich ums Leben gekommenen BBC-Reporters Ahmad Omid Khpolwak. “Diejenigen, die uns am meisten bedrohen, sind allerdings die Kommandeure der Taliban.” Erst kürzlich habe ihn ein Taliban-Kommandeur aus Helmand angerufen und ihm gesagt, dass seine Berichte zu einseitig wären. “Ich solle die Taliban positiver darstellen.” Falls sie dem nicht nachkommen würden, müssten die Journalisten unter Androhung des Todes die Gegend verlassen.

Vor allem in den südlichen Provinzen sind Daghi und seine Kollegen vielen Gefahren ausgesetzt. Seit dem Sturz der Taliban 2001 wurden bisher 26 Journalisten in Afghanistan während ihrer Arbeit getötet. Für einheimische Journalisten ist die Arbeit besonders gefährlich. Oft werden sie gezwungen, für eine bestimmte Gruppe Propaganda zu betreiben.

 

Zwischen den Fronten

Der afghanischer Journalist Mali Khan Jaqubi interviewt eine Frau (Foto: DW)

Es sind nicht nur die Taliban, die Propaganda verlangen, sagt Abdullah Nezami, ein afghanischer Korrespondent für Al Jazeera TV. “Hier gibt es Mafiagruppen, Warlords, die extremistischen Taliban und selbst die afghanische Regierung, die uns erpressen wollen, für sie zu schreiben”, so Nezami weiter. “Ich selbst wurde sogar schon vom amerikanischen Militär, der afghanischen Polizei und dem afghanischen Geheimdienst festgenommen. Auch von Abgeordneten aus dem Parlament wurde ich bedroht. Manche schrecken selbst vor körperlicher Gewalt nicht zurück.”

Der psychische Druck für afghanische Journalisten ist enorm, erklärt Nezami. Die vielen Selbstmordattentate der Taliban, die zur täglichen Berichterstattung gehören, sind nur ein Teil des Übels.

Feinde der Pressefreiheit

Jeden Tag müssen afghanische Journalisten befürchten, dass sie für ihre Berichte mit dem Leben bezahlen müssen, sagt ein Journalist aus Helmand, der anonym bleiben möchte. Er arbeitet für das Institute of War and Peace Reporting in Afghanistan. Für ihn sind die afghanischen Behörden eher eine Bedrohung als eine Hilfe. “Sogar Gouverneure haben mich schon bedroht, ich solle zu ihrem Vorteil schreiben”, sagt er. “Sollte ich das nicht tun, meinten sie, müsste ich um mein Leben fürchten. Ich habe sogar Aufnahmen, die belegen, welcher Gouverneur das war”, erläutert er.

Dirk Frans wird in Kabul interviewt (Foto: AP) Eine der wenigen Organisationen in Afghanistan, die sich für die Sicherheit von Journalisten und für die Pressefreiheit im Land einsetzen, ist “NAI Supporting Open Media”. NAI ist eine lokale Medien Entwicklungsorganisation, die 2004 von unabhängigen Medienaktivisten und Internews International gegründet wurde. Sie unterstützen die afghanischen Medien, damit diese ihre Aufpasser-Rolle wahrnehmen können.

Spielball der Mächtigen

Aber ohne Gefahr ist das immer noch nicht möglich. Auf dem Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen belegt Afghanistan Platz 147 von rund 180 Staaten. Trotzdem hat die Organisation klare Vorstellungen, wie in Zukunft mit Ermordungen von Reportern umgegangen werden soll. “Wir fordern die internationale Gemeinschaft und die afghanische Regierung auf, dass die Ermordung von Journalisten als Kriegsverbrechen eingestuft wird. Und ein Kriegsverbrecher kann nur vor Gericht bestraft werden”, sagt Mujib Khelwadgar, Vorsitzender der Organisation.

Er erklärt, dass die Medien in Afghanistan sehr einflussreich sind. Deshalb versuchen die Konfliktparteien auch die Berichterstattung zu manipulieren. Journalisten seien lediglich ein Spielball der Mächtigen, die in Afghanistan den Ton angeben, beklagt er. Und das seien, seiner Meinung nach, nicht nur die Taliban, sondern auch die vermeintlich “Guten”.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de