Proteste gegen neuen Namen für Uni

Waslat Hasrat-Nazimi

Seit Wochen protestieren Kabuler Studenten gegen die Neubenennung der Pädagogischen Hochschule nach einem früheren Warlord. Es zeigt sich: Die junge Generation will die Fehden der Vergangenheit überwinden.

Mit einem grünen Schal haben sie das neue Straßenschild vor der pädagogischen Hochschule (Kabul Education University) abgedeckt. Aber über dem Eingang ist der neue Name groß und breit zu lesen: “Märtyrer für den Frieden Professor Burhanuddin Rabbani Hochschule”.

Anlässlich des ersten Todestags Rabbanis am 20. September hatte Präsident Hamid Karsai die Umbenennung verkündet. Seitdem protestieren die Studierenden. Kate Clark vom “Afghan Analysts Network” erklärt, warum dies bei den Studenten auf Protest gestoßen ist: “Präsident Karsai hat diese Maßnahme eigenmächtig beschlossen, so dass Dozenten und Studierende völlig überrascht waren. Karsai geht es darum, mit der Ehrung Rabbanis dessen politische Anhängerschaft zufriedenzustellen, aber dafür hätte er sich keinen schlechteren Platz aussuchen können”, kritisiert Clark.

Burhanuddin Rabbani im Mai 2011 (Foto: picture alliance/dpa)

Die Universität sei ein symbolischer Schauplatz für den Bürgerkrieg der 90er Jahre, sagt Kate Clark. Auch Rabbanis Truppen hatten damals die Hochschule unter Beschuss genommen, sie war ein Stützpunkt von Kämpfern der Hasara-Volksgruppe.

Studenten gegen Politisierung ihrer Uni

Die meisten Studenten seien gegen eine Einmischung der Politik in das Bildungswesen, sagt Mohammadyar Yar, einer der Anführer der Proteste. “Vor wenigen Wochen noch hat Präsident Karsai den Studenten gesagt, dass die Universität kein Ort für die Politik sei. Aber leider hat er mit seiner Entscheidung selbst ethnische und politische Konflikte inmitten der Universität entfacht”, beklagt der Studentenvertreter.

Der Tadschike Rabbani war ein Anführer der Mudschahidin gegen die Sowjets und einer der führenden Warlords im anschließenden Bürgerkrieg. Während der Talibanherrschaft war er politischer Führer der oppositionellen Nordallianz, nach dem Sturz der Taliban hatte er kurzfristig das Präsidentenamt inne. Bei einem Anschlag im vergangenen Jahr wurde er in seinem hoch gesicherten Haus getötet, er war Beauftragter Karsais für Verhandlungen mit den Taliban. Die einen verehren ihn als Helden, der sich für den Friedensprozess in Afghanistan eingesetzt hat und dabei als Märtyrer gestorben ist, die anderen verachten ihn für seine blutige Vergangenheit im Bürgerkrieg.

Jenseits der alten Gräben

Namensschild Märtyrer für den Frieden Professor Burhanuddin Rabbani Hochschule“ (Foto: DW) Vor einigen Tagen gab es erste gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Studenten und Befürwortern Rabbanis. Etwa 20 Studenten wurden am Montag (08.10.2012) von der Polizei verhaftet, kamen aber später wieder frei. Darunter auch Mohammadyar Yar, er sagt, es sei gleichgültig welcher Ethnie der Namensgeber angehört: “Hier protestieren nicht nur Paschtunen, sondern auch Tadschiken und Hasara.”

Der Student Naqibullah sagt, die Forderungen der Studenten seien ganz einfach: “Wir wollen nur, dass dieses Schild abgenommen wird und die Universität wieder ihren alten Namen bekommt.” Ein weiterer Demonstrant, Zabiullah, ist nur genervt von der überflüssigen Kontroverse: “Der Name hätte erst gar nicht geändert werden sollen. Jetzt wo er geändert wurde, muss die Sicherheit von der Regierung gewährleistet werden, damit wir in Ruhe lernen können.”

Kate Clark vom “Afghan Analysts Network” hält es für bemerkenswert, “dass die Studierenden diesen ganzen ethnischen Gifteimer nicht aufgerührt haben. Sie sagen: ‘Wir sind hier eine akademische Einrichtung. Wir respektieren Rabbani und sein Andenken, aber wir wollen neutral bleiben.'” Die Demonstrationen hätten deutlich gemacht, so Kate Clark, dass die neue junge Generation in Afghanistan durchaus national gesinnt sei, aber die alten ethnischen Zerwürfnisse hinter sich lassen will.

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Extremist propaganda and illiteracy fuel Afghan protests

Waslat Hasrat-Nazimi

At least 12 people were killed in Afghanistan Friday as protests continued to rage over the desecration of the Koran. Observers in the war-torn country say the lack of political education is one reason for the violence.

Once again thousands of people poured out onto the streets of Afghanistan after Friday prayers. They demonstrated against the US and the Afghan government. Hundreds marched towards the presidential palace in Kabul. They threw rocks and chanted “Death to America and Karzai.” At least a dozen people were killed, including two US soldiers.

The Afghan government had already warned of more violence, which has escalated ever since charred copies of the Koran were found at a US air base in Bagram. The demonstrators themselves were also apprehensive of what would happen after Friday prayers.

Ahmad Jawed, a protester from Herat, said it was wrong to respond to the burning of the Koran with violence. “Those who have used violence in the past days are harming the Afghan people. Unfortunately, some politically-motivated groups are exploiting the peaceful intentions.

“We not only condemn the US for the burning of the Koran but also those who are committing crimes in the name of the Koran and its desecration,” he stated angrily.

Yunus Fakoor, a political expert in Kabul, said radical religious groups were pouring oil on the fire for their own purposes. “This is not a defense of faith. They are exploiting the religious feelings of people.”

Lack of political education

These religious feelings are deeply anchored in Afghan society and many see the desecration of the Koran, the direct word of God, as an attack on their most cherished values. But political scientist Tufan Waziri agreed that these feelings alone cannot explain the current outbreak of emotion and violence.

He blames the lack of political education, which means that incidents such as those in Bagram, which must be condemned, are often misinterpreted or exaggerated. “Education and literacy levels are very low among the Afghan population. People are also very poor and they are disappointed that their living standards have not improved over the past 10 years.”

Kabul lies low

As Afghans rise up against the government and the West, the former is keeping a low profile. Little has been done to bring the situation under control; Kabul can only hope it will survive this latest wave of anger intact.

There is currently a lot at stake for Hamid Karzai’s government, which is trying to hammer out an agreement over a long-term strategic partnership with Washington. His neighbors in Pakistan and Iran particularly disapprove of the deal and are worried they will not be able to defend their own interests in the region.

However, Ahmad Zia Raf’at from Kabul University doubts that the partnership will be prevented, even if the current demonstrations are boosting Karzai’s opponents. “If there is the political will to promote US-Afghan cooperation, then it will be promoted. The protests won’t change anything. In a few days, feelings will have cooled down.”

However, he also hopes that the US will learn from this situation and stop giving extremists fuel for their propaganda.

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de

Hungerstreik gegen Korruption

Waslat Hasrat-Nazimi

Der Aktivist Jahangir Akhtar hungert in Pakistan aus Protest gegen Korruption und steigende Militärausgaben. Anders als sein indisches Vorbild Anna Hazare findet Jahangir jedoch keinen Anklang.

Portrait Raja Jahangir Akhta mit Kopfbinde, darauf steht: Sieg oder Tod (Foto: DW)Jahangir Akhtar ist in den Hungerstreik getreten. Seit dem 12. September fastet er, wenn nötig, sogar bis zu seinem Tod: “Wenn die Behörden meine Forderungen nicht erfüllen, werde ich zum Märtyrer”, sagt er entschlossen. Der 68-jährige Pakistaner kämpft seit vielen Jahren gegen die weit verbreitete Korruption in Pakistan, mehrmals musste er schon ins Gefängnis. Erfolge hat er bei seinen Kampagnen bisher keine gehabt.

Doch als er von der großen Popularität des Anti-Korruptions-Aktivisten Anna Hazare im Nachbarstaat Indien hörte, schöpfte er neuen Mut. Hazare hatte mit seinem Hungerstreik eine Welle von Protesten ausgelöst. Tausende Menschen unterstützen seine Kampagne, die Medien machten ihn zum Tagesthema. “Ich bin durch das, was in Indien vor kurzem geschehen ist, inspiriert worden”, erzählt Akhtar. “Dort hat eine vergleichbare Aktion zu einem neuem Anti-Korruptionsgesetz geführt.”

 

“Korruption auf dem Höhepunkt”

Korruption ist auch in Pakistan ein schwerwiegendes Problem. Auf dem internationalen Korruptionsindex steht Pakistan auf Platz 143 (von 178). Sayed Adil Gilani von der internationalen Anti-Korruptions-Organisation “Transparency International” sagt, dass selbst die Spendengelder für die Opfer von Pakistans Flutkatastrophe im vergangenen Jahr veruntreut worden seien.

 

Ein Junge greift mit verzweifeltem Gesichtsausdruck nach einer Schüssel Reis (Foto:AP) Korruption: viele Spenden sollen die Opfer der Flutkatastrophe nicht erreicht haben

Die Korruption sei auf einem Höhepunkt in Pakistan, glaubt Gilani: “Die Regierung ist nur daran interessiert, dass Geld in persönliche Konten von hochrangigen Regierungsmitgliedern fließt. Korruption ist der eigentliche Grund für Terrorismus, Armut und Hunger. Korruption erschüttert die Fundamente von Pakistan.”

Dieser Zustand müsse sich ändern, sagt Jahangir Akhtar. Er will so lange hungern, bis seine Forderungen von der Regierung erhört werden. Sein Ziel: “Ich möchte einen Gesetzesentwurf, der im Parlament zustande kommt und der von einer Mehrheit der Abgeordneten unterstützt wird. Dieses Gesetz soll dann die Grundlage dafür sein, dass der Korruption in Pakistan endlich ein Ende bereitet wird.”

Medien boykottieren die Kampagne

Indiens Aktivist Anna Hazare im offenen Auto, umjubelt von Anhängern mit indischer Flagge(Foto:UNI NEW DELHI) Doch wirklich zuversichtlich ist Akhtar nicht. Bisher habe er von den Medien keine Unterstützung bekommen, berichtet er. Die meisten Journalisten haben angeblich nichts von ihm gehört. “Das ist das erste Mal, dass ich diesen Namen höre, obwohl ich in der Medienbranche tätig und Chefredakteur von drei Tageszeitungen bin”, sagt auch der Journalist Mohammed Aslam.

Ein Journalist, der anonym bleiben will, vermutet, dass die pakistanischen Medien deshalb nicht über Jahangirs Aktion berichten, weil sie vom pakistanischen Geheimdienst und vom Militär kontrolliert würden. Beide Institutionen sind erklärte Feinde von Akhtar, denn er hat sie wiederholt kritisiert: “Pakistan hat die sechstgrößte Armee der Welt. Das meiste Geld unseres Budgets geht in die Armee.

Aufgrund dieser finanziellen Last sind die pakistanischen Bildungseinrichtungen in einem katastrophalen Zustand.”

Außerdem leide die pakistanische Jugend an akuter Arbeitslosigkeit und Kranke hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, sagt der 68-jährige Vater von drei erwachsenen Kindern. Pakistan solle weniger für das Militär und mehr für soziale Belange ausgeben. Jahangir Akhtar lächelt. Er trägt ein schwarzes Stirnband auf dem steht: “Victory or Death” – Sieg oder Tod. Er ist für beides bereit.

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich hier:  DW.de